Buchempfehlung: Die Freiheit des Fahrausweisprüfers (Neuauflage)

Die Freiheit des Fahrausweisprüfers. - Bild: Enno E. Dreßler

Das Buch „Die Freiheit des Fahrausweisprüfers“ bringt einige Voraussetzungen mit, sich zu einem veritablen Bestseller zu entwickeln. Die Kölner Verkehrs-Betriebe AG (KVB), um die es in diesem Werk vorrangig geht, werden nicht müde zu betonen, dass sie sich über die Jahre einen exorbitanten Kundenstamm gesichert haben. Würde nur ein Bruchteil der rund 900.000 Fahrgäste, welche die KVB nach eigenen Angaben am Tag durchschnittlich befördern, ein Exemplar dieses Buches erwerben, wäre dessen Autor Enno E. Dreßler ein schwerreicher Mann. Ist er aber nicht. Der seinerzeit arbeitsuchende Kunsthistoriker nahm von 2007 bis 2009 an dem Projekt „Neue Arbeit Köln“ teil, einem jener subventionierten Beschäftigungsprogramme, über welche sich ausreichend motivierte und talentierte Erwerbslose zurück in den ersten Arbeitsmarkt  qualifizieren sollten. Ein Mindestmaß an Tauglichkeit wie Robustheit vorausgesetzt. Die Berufung Dreßlers vollzog sich demnach nicht zuerst aus investigativem Antrieb, sondern im Namen des Steuerzahlers, wobei man sich immer auch fragen darf, wer das nun eigentlich sei.

Exkurs: Die zuständigen Mitarbeiter*innen des Jobcenters (ehemals „ArGE) begründen ihre oft willkürlichen Zuweisungen in fragwürdige Maßnahmen gerne damit, dass „der Steuerzahler“ ein Recht darauf habe, dass der ‚gemeine Arbeitslose‘ gefälligst was tun solle für seine üppige Alimentierung. Im Umkehrschluss wird damit natürlich der niederen Stammtischparole Vorschub geleistet, wonach Erwerbslose ja keine Steuern zahlen würden. Das ist insofern zurückzuweisen, da auch der nicht arbeitende Mensch vollumfänglich steuerpflichtig ist. Die einzige Ausnahme stellt die Einkommensteuer dar, welche weder erklärt noch abgeführt werden muss. Das ist aber nur logisch, da ja kein Einkommen existiert, das veranlagt werden könnte. Diesbezügliche Entäußerungen (‚Die sollen doch erstmal Steuern zahlen!‘, oder so ähnlich) sind tendenziell diskriminierend; sie sind sachlich falsch und entsprechen allenfalls noch einem frommen Wunsch.

Zurück zu Enno E. Dreßler, der seine zwei Jahre als Fahrausweisprüfer auf 184 Seiten und in dreißig Kapiteln weitgehend chronologisch protokolliert hat. Diese Form der Reportage macht „die Freiheit des Fahrausweisprüfers“ authentisch und nachvollziehbar. Ein jeder, der hin und wieder mal Fahrausweisprüfende und „Schwarzfahrende“ in ihren Wirkbereichen beobachtet hat, kennt diese Szenen nur zu gut. Lustig ist das eigentlich höchstens solange, bis die genannten Antagonisten aufeinandertreffen und die Situation zu einer wird, der man naturgemäß nicht beiwohnen möchte.

Die an- und abschließende Feststellung der Leistungserschleichung ist ein chronisch unwürdiger Vorgang, der so gar nicht mehr in die Zeit passen will. Dreßler illustriert das vorzüglich, auch wenn die Schilderungen kulminierender Konflikte seinem Humor notwendigerweise eine gewisse Galligkeit verleihen. Überhaupt sind es der humoristische Stil und die ausgeprägte Beobachtungsgabe des Autors, die dieses Buch durchgängig kennzeichnen. So unterhaltsam Dreßler informiert, so informativ weiß er zu unterhalten. Als Fahrausweisprüfer qua Funktion klar verortet, gewährt er zugleich tiefgreifende Einblicke in die Denk- und Lebenswelten, der ihm begegnenden Personen.

Als besonders lehrreich erscheinen dabei die selten liebevollen Charakterisierungen seiner Kolleginnen und Kollegen und deren Bemühungen, sich die in Aussicht gestellte Festanstellung zu erstreiten. Es ist erschreckend zu erfahren, wie Fälle von Beförderungserschleichung konstruiert und Fangquoten übererfüllt werden, moralische Entgrenzung sich im Zuge beruflicher Profilierung Bahn bricht. Ein Panoptikum menschlicher Abgründe, die doch nur eine milieugerechte Abbildung der schönen neuen Arbeitswelt darstellen und wo Dreßler Augenmaß und Sozialkompetenz vermisst, dominieren Gruppendynamik und Planübererfüllung. Die rekursiven Schilderungen der Begegnungen Dreßlers mit den Entscheidern und Verantwortlichen in Arbeitsverwaltung und Verkehrsgesellschaft runden seine ungewollte Sozialstudie vollends ab.

Was die im Mai 2018 erschienene Neuauflage des Buches so zwingend macht, ist die neu hinzugefügte zoologische Kategorisierung der Spezies Kölner Fahrausweisprüfer (Tesserarius coloniensis). Nicht nur, dass der Autor hier nochmal sämtliche Register seiner Spitzfindigkeit abzurufen weiß; vielmehr erfährt der geneigte Leser endlich das, was er schon immer über das Wesen des Gemeinen Kinderklatschers oder des Großen Beutegreifers zu ahnen glaubte. Das ist Literatur.

Enno E. Dreßler, Die Freiheit des Fahrausweisprüfers, Zwei Jahre im Kölner Kontrolldienst, Norderstedt 2011 (7. Auflage, Mai 2018), 184 Seiten (davon 14 farbig), 16,00 Euro, ISBN: 978-3-7412-5547-2

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