Die Unfreiheit des Arbeitslosen

1€-Jobber für die gute Schule? . - Bild: Bronisz

„Kunde“ der ‚Arbeitsagentur‘

Am Freitag, den 24. Juli 2009, trete ich an den Schalter der „Agentur für Arbeit Köln“. „Guten Morgen, mein Vertrag endet am 31. Oktober, ich möchte mich arbeitslos melden …“ „Das können Sie erst am 28. Juli!“ „Aber auf der Arbeitszeitbescheinigung steht „bis 28. Juli“!“

„Bis August sind noch sieben [acht] Tage, da kann sich noch allerhand verändern …“ Die Mitarbeiterin sieht auf ihren Bildschirm. „Haben Sie neben Ihrem Gehalt Alg II bezogen?“ „Nein.“ „Aber hier steht das!“ „Ich habe seit dem 1. November 2007 definitiv kein ‚Alg [Arbeitslosengeld] II‘ mehr bekommen, sondern mein Gehalt von der KVB [Kölner Verkehrsbetriebe AG] bezogen …“ „Das müssen Sie oben klären … Südflügel, erste Etage,
Sie werden aufgerufen, nehmen Sie bitte Ihre Sachen mit!“

Willkommen zurück in der Welt der Arbeitslosen

Ein Herr W. ruft mich auf.

„Ich möchte mich ‚arbeitsuchend‘ melden, mein Vertrag endet am 31. Oktober.“ „Da mache ich Ihnen gleich die Arbeitslosmeldung mit!“

Es geht also doch.

Ich bin aktiver Kontrolleur der KVB, „Kunde“ der „Agentur für Arbeit“ in Spe, und komme, wie es der Volksmund ausdrückt, „vom Regen in die Traufe“. Ersttermin bei der „Arbeitsberaterin“

Am Donnerstag, den 6. August 2009, habe ich dienstfrei, aber um 8:00 Uhr einen Termin bei „Arbeitsberaterin“ Paula Sch. von der „Agentur für Arbeit Köln“. Ohne dass ich gefragt würde, wird eine weitere Person, eine Kollegin von Frau Sch., zum Gespräch hinzugezogen, die mir konsequenterweise auch nicht vorgestellt wird. Von der Anordnung her gleicht das Gespräch einem Verhör, einer Polizeilichen Vernehmung. Anhand meiner bisherigen beruflichen Tätigkeiten hat Frau Sch. im PC eine Liste mit Fähigkeiten erstellt, die von „Beckenreinigung“ und „Bädertechnik“ 1 über „Lagerarbeit“ bis zu „Ausgrabung“ und „Archäometrie“ reicht. Ich soll mich jetzt jeweils selbst bewerten. Ich mache dabei immer wieder deutlich: „Das macht meine Persönlichkeit nicht aus … Das vergessen wir am besten gleich wieder …“

Weiter soll ich aus einer Liste mit zwanzig, in vier Bereiche unterteilten, persönlichen Eigenschaften fünf als zutreffend aussuchen. Ich bejahe, von oben beginnend, jeden Punkt. Frau Sch. ist nicht einverstanden. „Sie dürfen nur fünf aussuchen.“ „Es trifft aber viel mehr auf mich zu!“ „Sie dürfen aber nur fünf aussuchen.“ „Entweder machen wir das Ganze wahrheitsgemäß oder wir lassen es bleiben!“ ‚Willkürlich unwillkürlich‘ lege ich mich dann doch auf fünf Eigenschaften fest.

Nach genau einer halben Stunde hat Frau Sch. mit mir ihre Listen abgearbeitet, sich meine Bewerbungsunterlagen aushändigen lassen und mir einen Listenvordruck übergeben, in den ich meine Bewerbungsaktivitäten eintragen soll. Sie will sich „bis Mitte/Ende Oktober“ mit dem nächsten Termin Zeit lassen und das Zwischenzeugnis der KVB abwarten. Ich verstehe das nicht. „Es ist letztlich völlig irrelevant, wie die KVB meine Fähigkeiten als Fahrausweisprüfer bewertet.“ Frau Sch. ist erstaunt, und ich lege nach. „Ich will wirklich nicht arrogant erscheinen, aber Koryphäen der Wissenschaft haben meine wissenschaftliche Befähigung [als Kunsthistoriker] bewertet, da ist es doch völlig unerheblich, wie die KVB meine Fähigkeiten als Fahrausweisprüfer bewertet!“ Nach fast zweijährigen Schikanen als einer von vierzig „Argeleuten“ der KVB bin ich wieder „Kunde“ der „Bundesanstalt …“, Pardon: „Bundesagentur für Arbeit“ und denke, ‚Willkommen zurück in der wunderbaren Welt der Arbeitslosigkeit‘.

Bewertung

Die griechische Mythologie erzählt uns vom Riesen Prokrustes, der alle Menschen, die ihm in die Hände fielen, ‚passend‘ machte. Er bot ihnen sein sprichwörtliches Bett an. Wer zu klein war, dessen Gelenke wurden mit Hammer und Amboss gestreckt; wer zu groß war, dem wurden die Beine abgesägt. Die „Bundesagentur für Arbeit“ macht mit ihren sog. „Kunden“ (im übertragenen Sinne) genau dies; sie passt sie in ihre vorgefertigte Schablone ein – 2 und „was nicht passt, wird passend gemacht“ (Filmkomödie, D 2002). Individuelle Lebenswege, Begabungen, Persönlichkeiten erkennt sie nicht an. Sie ignoriert, missachtet, verhöhnt sie. Sie kennt nur ihr „Schema F[rontrapport]“ (Volksmund) …

Verehrte Leser, lassen Sie uns an dieser Stelle einmal ein Gedankenexperiment machen. Stellen wir uns also vor, ein …sagen wir, Astrophysiker mit dem Schwerpunkt „Dunkle Energie/ Materie“, müsste sich – vielleicht weil eine wissenschaftssfeindliche Bundesregierung seinem Forschungsinstitut die Fördergelder zusammen gestrichen hätte – arbeitslos melden und hätte als Student diverse Arbeitsgelegenheiten – z. B. als Mitarbeiter einer Hamburger-Braterei und Hilfsarbeiter auf dem Bau – wahr genommen, um sich sein Studium zu finanzieren … Dann würde eine Mitarbeiterin der ‚Arbeitsagentur‘ also etwa folgendes „Profil“ ihres Schützlings erstellen: „Astrophysik … erweiterte Kenntnisse (C-4-Professur) … Gastronomie … beidseitiges Braten von Buletten … Montage … Speis [nicht: Scheiß!] anrühren, Schlagbohrmaschine bedienen, Backsteine mit Schubkarre transportieren […]“. Und das ist doch, mit Verlaub, die reinste Verhöhnung der Lebensleistung dieses Mannes. „Getötet zu werden (auch durch die Atombombe) ist bloß Verletzung eines allerdings elementaren Menschenrechts; manipuliert zu werden in dem, was für unsere Persönlichkeit konstitutiv ist, bedeutet die denkbar schwerste Verletzung, um nicht zu sagen, die völlige Verneinung und Vernichtung unserer Menschenwürde“ (Oswald von Nell-Breuning, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, Hauptvertreter der Katholischen Soziallehre, 8. 3. 1890 – 21. 8. 1991) … „Sie [die Menschenwürde] zu achten und zu schützen ist“ aber nach dem deutschen Grundgesetz, Artikel 1, Absatz 1, Satz 2, „Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ … und das ist unmittelbar geltendes Recht. Der Staat pfeift jedoch darauf, als handelte es sich nicht um ein Grundrecht, sondern eine Wahlkampfaussage – und getreu der berühmten, kölschen Devise von Bundeskanzler (1949 – 1963) Dr. Konrad Adenauer (5. 1. 1876 – 19. 4. 1967): „Wat kümmert mich ming Jeschwätz von jestern? (Sie werden mich nicht daran hindern, schlau zu werden.)“

„Festina lente“ (lat., eile gemächlich)

Am Montag, den 19. Oktober 2009, habe ich Mittelschicht. Ich stehe jedoch an diesem Tag früh auf und fahre vor Dienstbeginn zur Abgabe meines Antrages auf Arbeitslosengeld I in die „Agentur für Arbeit Köln“ in der Luxemburger Straße. Dort angekommen, stelle ich fest: Die Menschheit ist anscheinend in zwei Teile gegliedert, im Foyer gibt es einen Empfang für die Bezieher von Arbeitslosengeld I und einen für die Bezieher von Arbeitslosengeld II.

Als ich der erste der Wartenden bin, wird glücklicherweise der Schalter der sympathischen, jungen Blondine frei. Ich trete vor. „Guten Morgen, ich bin gekommen, um meinen Antrag auf Arbeitslosengeld abzugeben!“ „Haben Sie einen Termin?“ Ich sehe die junge Frau entgeistert an. „Ich ahne schon, Sie haben keinen …“ „Ich arbeite bei der KVB im Dreischichtsystem und bin heute früher aufgestanden, um vor Dienstbeginn meinen Antrag abzugeben.“

Die junge Frau sieht sich meine Unterlagen an, nimmt sich einen großen, braunen Umschlag, beschriftet ihn und händigt ihn mir aus. „Ihre Unterlagen sind in Ordnung. Sie können sie draußen in den Hausbriefkasten werfen, wir dürfen nichts annehmen.“ Ich bedanke mich und denke wieder einmal nur, ‚Willkommen in der wunderbaren Welt der Arbeitsagentur‘.

Es mag erstaunlich klingen, aber der Arbeitstag verläuft völlig ruhig, es gibt keinen nennenswerten Fall, was vielleicht damit zusammen hängt, dass mein ‚Jagdfieber‘ durch die erneute Konfrontation mit der Erlebniswelt der Arbeitslosigkeit einen kleinen Dämpfer bekommen hat. „Festina lente“, wie der römische Kaiser Augustus laut Sueton (Augustus 25, 4) gerne sagte.

Kollegin K. hat sechzehn Fälle, macht mit meinen fünf Unglücklichen zusammen einundzwanzig, Gruppenschnitt: 10,5: überdurchschnittlich … Die KVB verlangt von uns „mindestens 10 EBE-Meldungen (pro Mitarbeiter pro Tag im Durchschicht)“.

„Ohne viel Federlesens“ – Die Einweisung

Am Donnerstag, den 22. Oktober 2009, habe ich von 14:05 bis 14:35 Uhr meinen Pflichttermin bei meiner „Arbeitsberaterin“, die „in medias res“ (Horaz, Dichtkunst 148) geht und mir eröffnet, 4 dass ich zur beruflichen Eingliederung ein halbes Jahr ganztägig zur „Sexta GmbH“ (Name geändert) gehen solle. Ich aber habe noch Klärungsbedarf zum letzten Termin. „Ich will eine meinen Qualifikationen [Liste] angemessene Tätigkeit, wie können Sie mich dabei unterstützen?“ Frau Sch. unwirsch: „Das habe ich Ihnen doch gesagt, Sie gehen zur [Sexta] GmbH!“

Ich gehe zum nächsten Punkt. „Welchen Sinn sehen Sie darin, aus irgendwelchen Tätigkeiten vermeintliche Qualifikationen abzuleiten und Kunstgeschichte gleichberechtigt mit Grundreinigen und Lagerarbeit aufzulisten?“ „Das habe ich Ihnen doch schon beim letzten Mal erklärt! Aber ich erkläre es Ihnen gerne noch einmal, damit Sie es endlich verstehen …“
Ich finde das dreist. „Ich habe Sie sehr gut verstanden, aber ich habe den Eindruck gewonnen, dass Sie mich nicht verstehen wollen. Wissen Sie eigentlich, was Kunstgeschichte ist?“
„Ich denke schon …“ „Können Sie es mir mit einem Satz sagen?“ „Das kann ich vielleicht nicht, aber ich weiß schon, was Kunstgeschichte ist …“ Ich helfe meiner „Beraterin“. „Kunstgeschichte ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit den drei Gattungen der
Kunst: Architektur, Bildhauerei und Malerei, von der ausgehenden Spätantike bzw. dem frühen Mittelalter bis in die Neuzeit, und erstreckt sich geographisch auf das gesamte Abendland …“

Ich fahre fort: „Klassische Archäologie ist die Erforschung der Bodendenkmäler des antiken Rom und Griechenland, und Ägyptologie die der altägyptischen Sprachen. Wie kommen Sie also dazu, diese Qualifikationen, die man in einem Studium von mindestens acht Semestern erwirbt, in einem Atemzug mit Beckenreinigung oder Staplerfahren zu nennen? Geht es nur darum, irgendwelche Stellenangebote mit einem sog. Profil abzugleichen und mich ohne jeden Bezug zu meiner Person womöglich zur Lagerarbeit [Arbeit in einem Betriebslager] zu schicken?“
„So war das nicht gedacht, ich habe bereits eine Auswahl vorgenommen.“

Ich stelle weiterhin unangenehme Fragen. „Sie haben sich am Ende unseres letzten Termins meine Bewerbungsunterlagen aushändigen lassen: Welche Erkenntnisse haben Sie daraus
gewonnen?“ „Wie?! Welche Erkenntnisse?! Ihre Unterlagen sind in Ordnung. [Weshalb sie mich auch zur Sexta GmbH schickt.]“ „Ach, ich dachte, Sie wollten daraus etwas über meine
Schwerpunkte ableiten. Um prüfen zu lassen, ob ich in der Lage bin, Unterlagen zusammen zu stellen, brauche ich keine Arbeitsberaterin.“

Ich gebe der Dame deutlich zu verstehen, dass ich mich verarscht fühle, und gleite dann ins Allgemeine ab. „Ihre ganze Behörde kann man auflösen und durch eine Suppenküche
ersetzen!“ „Darüber diskutiere ich mit Ihnen nicht.“ Die „Arbeitsberaterin“ besteht auf einer Unterschrift unter der „Zuweisung in eine Maßnahme“ zur Wiedereingliederung. Doch ich lasse mich nicht gerne unter Druck setzen. „Ich nehme das mit und lese es mir zuhause in Ruhe durch!“ „Ich lasse Sie nicht ohne Unterschrift gehen! Ich brauche die Unterschrift jetzt! Sie können es sich hier gerne durchlesen.“ Ich folge dem ‚freundlichen‘ Angebot und unterschreibe die „Zuweisung“ dann. Schließlich erkläre ich nur, deren „Inhalt zur Kenntnis genommen“ zu haben. Ob ich die „Maßnahme“ mache oder nicht, ist nicht Gegenstand von Verhandlungen. Die „Zuweisung“ ist definitiv eine Einweisung. Nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei, und ich bin reichlich enerviert. Erst ärgern mich an diesem Tag die ‚Kunden‘ der KVB, dann bin ich meinerseits sog. „Kunde“ der ‚Arbeitsagentur‘. Ich empfinde unermessliche Wut über die KVB, die mir den ganzen Schlamassel wieder zumutet – und das nach allem, was mir dort in den letzten zwei Jahren angetan wurde.

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