Die Unfreiheit des Arbeitslosen

 

Beschwerde bei der „Agentur für Arbeit“

Am 24. Oktober 2009 schreibe ich „an die Arbeitsagentur Köln, Leitung“: „hiermit beschwere ich mich über das unangemessene Vorgehen Ihrer Mitarbeiterin. / Beim ersten Beratungsgespräch erstellte Frau [Name] eine aberwitzige Liste aus mehreren Dutzend sogenannten ‚Qualifikationen‘, die sie aus meinen bisherigen, beruflichen Tätigkeiten abgeleitet hatte. Da standen meine Studienfächer […] oder anspruchsvolle Tätigkeiten wie Recherche
unter so abwegigen Punkten wie ‚Grundreinigung‘ oder ‚Staplerfahren‘! Meinen Versuch, ihr nahe zu bringen, wo ich mich gegenwärtig befände – ich schreibe z. B. an zwei weiteren Büchern – und wohin ich mich entwickeln wolle, würgte sie ab. Dies sei noch nicht Gegenstand dieses Gespräches. Am Ende ließ sie sich dann doch noch meine Bewerbungsunterlagen aushändigen.

Schon zu Beginn des zweiten Gespräches sprach sie mir eine ‚Zuweisung in eine Maßnahme …‘ aus, ohne mit mir darüber gesprochen zu haben, inwieweit dieses Angebot mir weiterhelfen könne. Auf meine Frage, welche Erkenntnisse sie aus meinen Bewerbungsunterlagen gewonnen habe, bemerkte sie nur, diese seien ‚in Ordnung‘. Ich hatte dann noch das Schriftstück, das einem Gestellungsbefehl gleichkam, in ihrer Gegenwart zu zeichnen und
damit war der Termin abgehakt. / […] / Frau [Name] hat deutlich dokumentiert, dass sie an meiner Lage desinteressiert ist.“

„Kartenkontrolleur und nicht Kunsthistoriker“

Die Antwort der „Agentur für Arbeit Köln/Kundenreaktionsmanagement“ vom 16. November 2009 hat folgenden Wortlaut:

„Aus meiner Sicht war das Vorgehen von Frau [Name] sachlich und formal korrekt. / Sie haben in den letzten zwei Jahren als Kartenkontrolleur [sic] bei der KVB gearbeitet. Das Studium Archäologie, Ägyptologie und Kunstgeschichte haben Sie 1989 abgeschlossen, aber in diesem Bereich in den letzten Jahren nicht gearbeitet. Für die Arbeitsvermittlung ist die Tätigkeit mit den höchsten Vermittlungschancen relevant. Dies ist in diesem Fall die Tätigkeit als Kartenkontrolleur und nicht Kunsthistoriker. Somit ist es wichtig auch diese Qualifikationen in Ihr Bewerberprofil aufzunehmen, um eine schnelle Integration zu gewährleisten.“

Die Betonung liegt hier ganz offenbar auf „schnell“.

Kommentar

Ich bin mittlerweile überzeugt, dass die Sachbearbeiterinnen der „Agentur für Arbeit Köln“ gemäß ihren Vorgaben gehandelt haben. Es ist jedoch volkswirtschaftlicher Wahnsinn, die teuer erworbenen Qualifikationen von Arbeitslosen nicht angemessen zu berücksichtigen. Zynisch und Menschen verachtend ist es, Arbeitslose in Stellen oder Kurse zu vermitteln, die den erworbenen Qualifikationen nicht in hinreichender Weise entsprechen. Nachhaltiger, beruflicher Erfolg wird auf diese Weise geradezu sabotiert. Im übrigen sollte sich jeder Arbeitslose gut überlegen, ob er, um nicht mehr der Allgemeinheit zur Last zu fallen, fachfremde Tätigkeiten verrichten will. Denn hat er sich erst einmal darauf eingelassen, schnappt die Falle unbarmherzig zu, und für den Gutwilligen beginnt eine gnadenlose Abwärtsspirale in die Gosse.

Wie „Agenturen für Arbeit“ Arbeitslose verticken

Ende 2009 lässt mich ein Zeitungsbericht aufhorchen. Die (Stellensuchmaschine) „Jobbörse“ der „Bundesagentur für Arbeit“ lädt, so Bundesdatenschutzbeauftragter Peter Schaar gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“, „zum Missbrauch geradezu ein“. Kriminelle könnten problemlos an die Daten der Arbeitslosen gelangen, „etwa um persönliche Kontakte anzubahnen“. Ein vermeintlicher ‚Arbeitgeber‘ muss demnach nur Firmennamen, Branche, Anschrift und Ansprechpartner nennen, um eine „Identifikationsnummer“ zu erhalten und darüber sämtliche Bewerberdaten – vom Lebenslauf über die Zeugnisse bis zu Anschrift und
Telefonnummer – einsehen und sich zusenden lassen zu können.

Vom Arbeitslosen zum ‚Gläsernen Nachbarn‘!

Was Peter Schaar nicht ahnt, man braucht noch nicht einmal eine Identifikationsnummer, um die „Agentur für Arbeit“ als seine kostenlose ‚Auskunftei‘ instrumentalisieren zu können. Jeder kann dort über jeden Arbeitslosen Informationen bekommen. Sie glauben mir nicht? Das kann ich gut verstehen, denn es ist ja auch im Grunde kaum zu glauben. Aber machen Sie einmal die Probe aufs Exempel … Also, Sie wissen über einen Ihrer Nachbarn, dass er arbeitslos ist? Gut. Geben Sie sich mit dieser Information nicht zufrieden. Erkundigen Sie sich bei der „Agentur“, was da genau los ist! Das machen Sie so: Gehen Sie auf das Stellenportal der „Agentur für Arbeit“ und versetzen Sie sich in die Rolle des „Arbeitgebers“. Wählen Sie also die „Informationen für Arbeitgeber“ aus, klicken Sie auf den Button „JOBBÖRSE Bewerber
einfach finden“ und dort auf „JOBBÖRSE für Arbeitgeber“. Unter „Sie suchen“ entscheiden Sie sich beispielsweise für „Fachkräfte“, unter „Suchbegriff(e)“ tragen Sie einfach den Beruf Ihres
Nachbarn ein, als „Arbeitsort“ geben Sie dessen (Ihren) Wohnort an und dann gehen Sie auf „Erweiterte Suche“. Dort können Sie das gesuchte Profil noch etwas näher eingrenzen. Jetzt noch ein Mausklick, und die Suchmaschine erledigt für Sie die „Rasterfahndung“, schlägt Ihnen unter Angabe der Postleitzahl geeignete „Stellenbewerber“ vor und bietet Ihnen die Möglichkeit, sich die Profile genau anzusehen. Gehen Sie einfach die Liste der Vorschläge
in Ruhe durch, es wird garantiert nicht lange dauern, bis Sie das „Profil“ Ihres Nachbarn gefunden und dort alle relevanten Informationen erhalten haben. Verblüffen Sie Ihren Nachbarn bei nächster Gelegenheit – z. B. wenn der Faulpelz wieder einmal nicht turnusgemäß das Treppenhaus gereinigt hat – mit Ihren profunden Kenntnissen. Glauben Sie mir, Sie werden sich nie mehr über ein nicht gereinigtes Treppenhaus ärgern müssen. Oder bestreiten Sie mit Ihren neuen Erkenntnissen den Smalltalk auf der nächsten Nachbarschaftsparty. Das geht etwa so: „Wusstet Ihr, dass der Sowieso …“Ihre Gesprächspartner werden verblüfft sein. „Nein, also das hätten wir uns bei dem nicht vorstellen können …“ „Wenn ich es euch doch sage …“ Glauben Sie mir, verehrte/-r Leser(in), man wird Sie als überaus unterhaltsamen Gast schätzen lernen und immer wieder gerne zu Parties einladen …

Höre ich da ein Räuspern? Na gut, Sie haben ja Recht, es handelt sich um eine überaus ernste Angelegenheit, und daher verbieten sich Ausflüge in die Gefilde des Humors, doch … Difficile est satvram non scribere „Es ist schwer, [darüber] keine Satire zu schreiben.“ Juvenal (röm. Redner u. Satiriker, ca. 60 – ca. 140 n. Chr.), Satiren 1, 30

Da die betriebsamen ‚Profiler‘ von der „Agentur für Arbeit“ die von ihnen (mit vorgefertigten Teilen) gebastelten „Bewerberangebote“ ungebeten – und ggf. auch gegen den erklärten
Willen der Betroffenen! – ins „Weltweite Netz“ (engl. „Worldwide Web“) einstellen – man könnte auch sagen, die Arbeitslosen an den elektronischen Pranger stellen –, kann hier nur von einer groben Missachtung des Rechtes auf „Informationelle Selbstbestimmung“ gesprochen
werden … Oder, anders formuliert, die „Agenturen für Arbeit“ verticken ihre sog. „Kunden“. (Anm.: Das passt zu einem Staat, der seine Bürger für eine handvoll sicherheitsrelevanter
Informationen an ausländische Geheimdienste vertickt.)

Sabotiert „Agentur für Arbeit“ Arbeitsaufnahme?

Als ich über Zugangscode mein von der „Agentur für Arbeit Köln“ ins Netz gestelltes „Bewerberangebot“ lese, trifft mich fast der Schlag. Mein „Team“ hat alle Zeiten des Bezuges von Arbeitslosengeld/- hilfe gleich mit eingestellt, wenn jene Angaben auch auf „nicht veröffentlicht“ gestellt sind. Mit ihnen werden nicht nur meine eigenen Angaben („freier Journalist“) geradezu konterkariert, sondern auch alle potenziellen Arbeitgeber, soweit sie sich überhaupt für „Bewerberangebote“ interessieren, abgeschreckt. Hier wird Arbeitsaufnahme geradezu sabotiert. Will mir die „Agentur für Arbeit“ das Genick brechen?

Ich schreibe meinem „Team“ am 25. November 2009 einen kurzen Brief mit der Bitte, die Angaben zu löschen: „[H]iermit widerrufe ich mein Einverständnis zur Einstellung meiner
Daten ins Internet. Bitte löschen Sie alle Daten, auch die anonymen. Weiteres können wir gerne fernmündlich besprechen.“ Der Bitte wird zunächst entsprochen. Später wird das
Profil jedoch wieder eingestellt sein. Die Arbeitsverwaltung verhält sich hier offenbar wie ein
Obsthändler, der potenzielle Käufer auf alle Unebenheiten und Flecken seiner Äpfel hinweist, anstatt deren Vorzüge – hohe Vitamin- und Mineralstoffgehalte – zu preisen, und das nur, um sich vor Reklamationen unzufriedener Kunden zu schützen. Dabei sind doch gerade die unebenen und naturbelassenen Äpfel die wertvollsten. Doch wie auch immer, ein solcher Obsthändler könnte seinen Stand genauso gut gleich dicht machen.

Quelle: Enno E. Dreßler, Die Unfreiheit des Arbeitslosen, Drei Jahre im Kölner Hartzodrom, Norderstedt März 2013, S. 11 ff. (m. fr. Genehmigung)
10

print

Share This:

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*