Endstation „Maßnahme“?

1€-Jobber für die gute Schule? . - Bild: Bronisz

Mit Beginn meiner Arbeitslosigkeit (1. 11. 2009) bin ich entsprechend der „Zuweisung in eine Maßnahme zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung gem. § 16 Abs. 1 des Zweiten Buches Sozialgesetzbuch – SGB II i.V.m. § 46 Abs. 1 S. 1 Nr. 3 SGB III des Dritten Buches Sozialgesetzbuch – SGB III“, die meine „Arbeitsberaterin“ in der „Agentur für Arbeit Köln“ zu Beginn des zweiten Termins aussprach (s. „In der Agentur.pdf“.), für ein halbes Jahr in der beruflichen Reintegrationsmaßnahme „Job2Job“ („GanzIL“, „Ganzheitliche Integrationsleistung“) eines Trägers, den ich im folgenden „Sexta GmbH“ nennen möchte, denn es geht mir nicht darum, eine einzelne Firma der „Hartz-IV-Industrie“ bloßzustellen, zumal wenn es sich um eine dem Vernehmen nach noch vergleichbar gute handelt.

Zunächst gibt es aber Anlaufschwierigkeiten. Wie mit meiner „Arbeitsberaterin“ vereinbart, melde ich mich am Montag, den 2. November 2009, fernmündlich bei dem Maßnahmeträger. Durch Herrn R. erfahre ich, dass ich an diesem Tag zu einer Einführungsveranstaltung hätte antreten müssen (8:00 Uhr) bzw. noch antreten müsse (11:00 Uhr). Doch das ist nicht möglich, weil ich krank bin. Da der Maßnahmeträger laut R. wie ein Arbeitgeber für jeden Krankheitstag eine „Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung“ („AU“) verlangt, fahre ich zu meinem Arzt und werde von dem bis einschließlich Donnerstag krank geschrieben. Als ich an diesem Tag erneut R. anrufe, um mit ihm einen Termin zu vereinbaren, erklärt mir jener, die „Sexta GmbH“ sei nicht mehr für mich zuständig. Ich hätte die Maßnahme nicht angetreten, und

Jobcenter Köln. Vormals ARGE. – Bild: Bronisz

daher habe er meine Unterlagen an die „Arbeitsagentur“ zurück geschickt. Darauf rufe ich bei der „Agentur“ an, und die wäscht, wie es scheint, dem freiberuflichen „Business Feng Shui Berater“ R. gehörig den Kopf …

Fast wie im Pfadfinderlager …

Bei der „Sexta GmbH“ haben wir Teilnehmer an drei Tagen pro Woche unter Aufsicht nach freien Stellen zu recherchieren und Bewerbungen zu schreiben – Stellensuche als regulierter Ganztagsjob, für den uns Computerarbeitsplätze zur Verfügung stehen. Wir sind ein bunt zusammen gewürfelter Haufen, dem Lö-sungen angeboten werden, die oft – um nicht zu sagen, meist – nicht auf die Probleme passen. Da ist z. B. ein fast 64-jähriger Bauarbeiter, der durch die Teilnahme an der „Maßnahme“ von ei-ner Therapie seines verschlissenen Rückens abgehalten wird und statt dessen am PC – er hat noch nie zuvor einen benutzt – Bewerbungen schreiben soll. (Am Ende wird er einen Teilzeitjob in Hamburg und einen in München in Aussicht haben. Unglücklicherweise ist „Don Giovanni“ alles andere als ein Heiliger, der an zwei Orten zugleich sein könnte.) Auch für einen Fernfahrer, in dessen Branche es üblich ist, persönlich auf dem Betriebshof einer Spedition nach Arbeit zu fragen, besteht grundsätzlich Anwesenheitspflicht. Eine frühere Sekretärin, die nach eigenem Bekunden bestes Büromaterial zuhause hat und die Korrespondenz beherrscht, soll bei der „Sexta GmbH“ mit billigem Büromaterial und zunächst jeweils ab Mittwoch, d. h. mit mindestens vier Tagen Verzögerung, auf die Stellenanzeigen vom Samstag Bewerbungen erstellen und diese vom (in dieser Beziehung weniger als sie qualifizierten) Firmenpersonal kontrollieren lassen

„Für Leute, die als Werkzeug nur einen Hammer haben, ist jedes Problem ein Nagel“ (aus China).

Die ‚bunte‘ Zusammensetzung der Teilnehmer führt allerdings auch zu manch’ kurzweiliger Diskussion – etwa als „Don Giovanni“ scherzhaft erläutert, wie man einen Arbeitgeber dazu nötigen könnte, einen Mitarbeiter einzustellen, und ich ihm vorschlage, gemeinsam ein Buch mit dem Titel „Wege zum Erfolg – mit den Methoden der ‚Familie‘“ zu schreiben. (Wie ich im Juli 2012 erfahren werde, bietet ein Mafiaaussteiger tatsächlich Firmen an, sie mit den Methoden des Mobs auf Vordermann zu bringen.) Außerdem entreißt sie uns Arbeitslose der sozialen Isolation, und das wird von manchen als beglückend empfunden. Es entstehen Bekanntschaften, die weit über das Ende der „Maßnahme“ hinaus Bestand haben werden. (Ein Tauchkurs auf den Malediven hätte denselben Effekt, würde aber weniger kosten.)

Sich erfolgreich bewerben mit billigem Material?

Aus Kostenersparnisgründen werden nicht alle vier vorhandenen Computerräume genutzt, sondern wir in zwei Räumen zusammen gefasst, seit dem 12. April 2010 in einem. Wie Legehennen in einer Batterie zusammen gepfercht, gilt es für uns nun, unser kreatives Potenzial zu entfalten. Denn da die Stellenmärkte für viele Teilnehmer unergiebig sind, müssen „Initiativbewerbungen“ an nichts ahnende Firmen versandt werden, frei nach dem „Sex-ta“-Motto: ‚Es gibt genug Stellen, sie werden nur nicht publik gemacht‘! Die Belüftung der Räume ist schlecht, dafür die Abwärme der veralteten Desktop-Rechner, auf denen Programme aus dem vergangenen Jahrtausend (sic!) laufen, hoch. Von der schlechten Luft bekommen viele Teilnehmer Kopfschmerzen, Bürostühle mit Sperrmüllwert strapazieren nicht nur bei den Teilnehmern mit einschlägigen, gesundheitlichen Problemen Rücken und Sitzfleisch. (Anm.: Wenn sich ein Teilnehmer deswegen krank schreiben ließe, würde er dann womöglich mit der Aussage konfrontiert: ‚Sie sind ja andauernd krank, Sie stehen dem Arbeitsmarkt ja gar nicht zur Verfügung …‘?) Von den Druckern liefert nur einer ein gutes Schriftbild. Doch er soll nach dem Willen von Herrn R. nur für Anschreiben verwendet werden. Von Druckern, die er-heblich schmieren, heißt es, sie „genügen für Bewerbungen“. Offenbar werden diese nicht eben als erfolgversprechend eingestuft. Selbstverständlich nutze ich für alle Bewerbungsunterlagen den einwandfreien Drucker und kaufe ich mir von meinem eigenen Geld in der Kölner Innenstadt ansprechende Bewerbungsmappen. Denn die billigen, die hier ausgegeben werden, würden von jeder Personalabteilung sofort als das „Sexta-Material“ identifiziert werden, und dann würde man gleich wissen, wie tief der Bewerber schon gesunken ist; außerdem würde man sich fragen, ob die Bewerbung überhaupt selbst verfasst sei …

            Was ganz sicher keine Bewerbungsvorteile wären.

Schnüffellizenz für den ‚Erfolgsfall‘

In einer „Datenschutzerklärung/Belehrung“, die von den „Maßnahme“-Teilnehmern zu unterzeichnen ist, heißt es: „Ich möchte meine Vermittlungschancen zum beruflichen (Wieder-) Einstieg erhöhen. Zu diesem Zweck gestatte und unterstütze ich die Erhebung und Speicherung der insoweit erforderlichen personenbezogenen Daten bei beauftragten Dritten, namentlich der Firma [Fir-menname]. / Ferner gestatte ich der Firma [Firmenname] im Falle einer Vermittlung in ein Arbeitsverhältnis, meinen Verbleib bei diesem Arbeitgeber nach 3 Monaten und nach 6 Monaten nach Vermittlung zu hinterfragen und den Fortbestand des Arbeitsverhältnisses an die Bundesagentur für Arbeit/ARGE zu melden. / Hinweis: Die Firma ist gemäß § 61 SGB II verpflichtet, dem Auftraggeber Auskunft über Leistung und Verhalten der Teilnehmer/innen einer Eingliederungsmaßnahme zu erteilen. / Im übrigen gelten die Bestimmungen des Bundesdatenschutzgesetzes. / […]“

            Dieses Kabinettstück der Fabulierkunst in Zeiten von „Hartz IV“ möchte ich Ihnen, verehrte Leser, einmal ins Deutsche übersetzen: Also, die „Sexta GmbH“ erwartet von den „Maßnahme“-Teilnehmern, ihr – einem Unternehmen der freien Wirtschaft – per Unterschrift die Erfassung ihrer sensibelsten Daten zu gestatten. Für den Fall der Weigerung droht sie ziemlich unverhohlen mit Denunziation gegenüber „Agentur“ oder „Arge“ wegen vermeintlich „mangelnder Mitwirkung“ – man ist ja nicht bereit, seine „Vermittlungschancen zum beruflichen (Wieder-) Einstieg [zu] erhöhen“ –, was bekanntlich eine empfindliche „Sanktionierung“ zur Folge haben kann (s. a. Unterkapitel „Sperrfrist wegen Weigerung, die Unwahrheit abzuzeichnen?“). Einen Nutzen von der Preisgabe ihrer Daten haben die Teilnehmer dagegen nicht. Denn eine „Vermittlung“ findet ja nicht nur in der „Agentur für Arbeit“ nicht statt, sondern ebenso wenig bei der „Sexta GmbH“. Sollte der „Maßnahme“-Teilnehmer jedoch mit einer seiner – in aller Regel doch wohl selbst, d. h. ohne Hilfe des „Sexta“-Personals verfassten! – Bewerbungen erfolgreich sein und während der „Maßnahme“-Dauer eine Anstellung finden, nimmt sich die „Sexta GmbH“ das Recht heraus, beim neuen Arbeitgeber in regelmäßigem Abstand Nachforschungen anzustellen, so ihren ‚Zögling‘ an dessen neuer Wirkungsstätte als ihren ehemaligen „Kunden“ bloß zu stellen und die Ergebnisse ihrer Recherchen der Arbeitsverwaltung zu melden, bloß um sich dort ihre „Erfolgsprämien“ zu sichern. Für ein anderes Unternehmen sind pro „Vermitteltem“ eintausend Euro nach drei Monaten und noch einmal eintausend Euro nach sechs Monaten belegt – bei zehn Teilnehmern, die mindestens ein halbes Jahr beschäftigt sind, ergeben sich zwanzigtausend Euro, notabene: zusätzlich zu den ohnehin schon horrenden Kursgebühren, und völlig ungeachtet des Anteils der Unternehmung an dem „Vermittlungserfolg“. Dazu kann ich nur feststellen: Die meisten Teilnehmer nehmen keine Hilfe der „Sexta GmbH“ beim Suchen nach Stellenangeboten und Formulieren ihrer Bewerbungsschreiben in Anspruch; sie haben auch nicht darum gebeten, hier eingewiesen und wie Kleinkinder betreut zu werden. Sollten sie erfolgreich sein, wäre das also ihr Verdienst allein, ihre ureigene Leistung, die sich ans Revers zu heften, der „Sexta GmbH“ überhaupt nicht zusteht. Was in aller Welt berechtigt also die „Sexta GmbH“ dazu, sich zum ‚Zuhälter‘ der Arbeitslosen aufzuschwingen? Wie lange wollen die sich noch als ‚Pferdchen‘ missbrauchen lassen?

Gute Dozenten, sparsam dosiert

Bei der „Sexta GmbH“ gibt es freie Mitarbeiter, die auch als Do-zenten themenbezogene Seminare abhalten, die so lustige Namen wie „O&A-Modul A1“ („Orientierung und Aktivierung […]“) tragen. Sie sind sehr gut qualifiziert und sehr hilfsbereit, geben manch’ guten Hinweis – z. B. auf versteckte Negativformulierun-gen in Dienstzeugnissen (einen schönen Gruß von hier an die Kölner Verkehrsbetriebe AG) – und manch’ gute Anregung („Sie haben jetzt die Chance, das zu tun, was Sie schon immer machen woll-ten“ oder „Bilden Sie die jeweiligen Schnittmengen aus Ihrem Qualifikationsprofil und den Anforderungen in unterschiedlichen Berufen – wo die Schnittmenge am größten ist, sollten Sie sich ei-nen Job suchen!“), aber gering bezahlt, wissen oft nur für wenige Tage im voraus ihre Einsatzzeiten. Es gibt hierzulande eben einen großen Markt an arbeitslosen Akademikern, sodass sich viele ge-zwungen sehen, sich wie ‚Tagelöhner‘ – um kein schlimmeres Vo-kabular zu gebrauchen – zu verdingen: „Zurück in die Zukunft“ (Spielfilm, USA 1985) des Manchester-Kapitalismus’.

            Ab Anfang 2010 ist fast ausnahmslos eine Heilpraktike-rin (!) als Hilfe zugegen, die allerdings am 31. März ebenfalls aus-scheidet. Danach ist nur noch gelegentlich eine Dozentin als Auf-sicht anwesend. Die in der Übersicht („Präsenzzeiten“) zahlreich ausgewiesenen (und von der „Agentur“ bezahlten) Kurse mit so klingenden Namen wie „BWT – Modul A2“ finden nicht mehr statt. Man darf davon ausgehen, dass sich die „Agentur für Ar-beit“ bei der Auswahl des angesichts des Fehlens eigener Kompe-tenz – oder erfolgreicher Lobbyarbeit! – offenbar nötigen, exter-nen Angebots für die finanziell „günstigste“ Variante entschieden hat. Doch hat sie vermutlich nicht bedacht, dass die Unterneh-men der „Hartz-IV-Industrie“ stets ihren Schnitt gemacht hatten.

„Die Bastelstunde ist eröffnet!“ („Apollo 13“, USA 1995)

In einem „Modul“ erhalten wir Teilnehmer DIN-A-4-Papier, Schere und Klebstoff. Die Aufgabe lautet: einen Turm bauen, der bis zur Raumdecke reicht. Die Aufgabe ist nicht wirklich originell, ich musste sie schon einmal, vor über zehn Jahren, in einem sog. „Assessment [engl., Einschätzungs-] Center“ – dabei werden Be-werber nicht isoliert, sondern in der Gruppe und damit in ihrem Gruppenverhalten ‚eingeschätzt‘ – lösen. Also gehe ich resigniert beiseite, hadere mit meinem Schicksal und grüble darüber, was mich so tief hat sinken lassen, für derartig ausgeleierte ‚Idioten-tests‘ eingeteilt zu werden. Doch irgendwann sage ich mir: ‚Du kommst aus dieser Nummer nicht raus‘, fasse mir ein Herz und zeige zur Abkürzung des Verfahrens den anderen Teilnehmern aus meiner Gruppe meine bewährte Lösung: aus den Papierblät-tern dreikantige Träger (nach Art der „Toblerone“-Schachteln) fertigen und diese wie Holzscheite auf einander türmen. (Man braucht noch nicht einmal die Schere.) Et voilà!

            Die Dozentin (o. g. Heilpraktikerin) ist hell begeistert und äußert sich voller Anerkennung. „Es hat mich tief beein-druckt zu beobachten, wie Herr Dreßler sich zurück gezogen und, völlig in sich gekehrt, über die Lösung nachgedacht hat, um dann die Führung der Gruppe zu übernehmen und seine Kolle-gen mitzureißen!“ Ich bin sprachlos. Was ist die Frau romantisch!

Beeindrucken im Vorstellungsgespräch

Die selbe Dozentin ermuntert uns, zu Beginn eines Vorstellungs-gesprächs den eigenen Namen mit einer Erklärung zu versehen, ihn z. B. ethymologisch herzuleiten, sodass sich der Gesprächs-partner diesen besser einprägen kann. Ich finde die Idee sehr gut und rege für unsere ausländischen Kursteilnehmer zusätzlich an, für den eigenen Namen deutsche Entsprechungen zu suchen. „Abdullah“ beispielsweise komme vom arabischen „Abd Allah“ und das heiße „Diener Gottes“. Ein „Diener [althochdt.: Schalk] Gottes“ sei im Deutschen der „Gottschalk“. (Anm.: Jordanien wird also tatsächlich von „König Gottschalk“ regiert.)

Esoterische Lebenshilfe

Bisweilen verwandelt sich der Seminarraum auch in einen Kino-saal. So, als uns ein esoterisches Filmwerk namens „The Secret“ (dt. „Das Geheimnis“, USA/Aus 2006) vorgeführt wird. Es ver-mittelt uns die ebenso simple wie suggestive Botschaft, dass wir alles erreichen können, wenn wir uns nur gedanklich darauf ein-lassen, es uns intensiv vorstellen; das ganze Universum werde sich dann auf unsere Wünsche ausrichten. Die implizierte Botschaft, Arbeitslose seien für ihr Schicksal selbst verantwortlich, kommt mir irgendwie bekannt vor … Ich frage mich also, was denn das schon wieder soll. ‚Scientology‘ für Arme? Im Sauseschritt vom ‚Hartzling‘ zum „Operierenden Thetan“? Gewiss, die gedankliche Vorstellung vermag viel auszurichten, mehr noch als selbst der Wille, das wissen wir seit Arthur Schopenhauers (22. 2. 1788 – 21. 9. 1860) philosophischem Meisterwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (1819). Wenn ich mir beispielsweise vorstelle, die Freundschaft eines wunderbaren Menschen zu erringen und mich in dieser Gewissheit ihm gegenüber selbstbewusst und ge-lassen verhalte, werde ich mein Ziel womöglich eher erreichen, als wenn Zweifel an mir nagen. Doch habe ich Philosophie studiert und komme mir bei jenen, hanebüchenen Vereinfachungen – um nicht zu sagen, bei solchem Humbug – reichlich deplaziert vor. In der Vorführ- bzw. Zigarettenpause warne ich andere Teilnehmer vor allzu „Positivem Denken“. Es sei nicht ratsam, so meine fel-senfeste Überzeugung, sich etwa bei einer Klettertour in den Al-pen, vor einer drei Meter breiten Gletscherspalte, einzureden, man könne über den Abgrund hinweg springen. Doch da es mir ungefährlich scheint, lasse ich mich vor dem Gebäude einmal auf die im Film beschriebene Methode ein, indem ich mir ganz inten-siv vorstelle, dass Claudia Schiffer (geb. 25. 8. 1979) um die Ecke kommt. Ich schließe also die Augen und konzentriere mich … So, jetzt bin ich einmal gespannt, was passieren wird … Ich öffne die Augen … und es dauert tatsächlich nicht lange, bis drei hübsche, junge Blondinen an mir vorüber gehuscht sind – sozusagen die ganze Dosis ‚Schiffer‘, nur eben verteilt auf drei Tabletten … Ich bin tief beeindruckt, und das süße Gift der hypnotischen Heils-botschaft beginnt auch bei mir seine Wirkung zu entfalten. Wäh-rend des zweiten Teils der Filmvorführung wünsche ich mir in-ständig, dass dieses philosophisch platte, schlecht synchronisierte Filmwerk bald zuende gehen möge, und als zum heiß ersehnten Schluss Schneetreiben einsetzt, bin ich reichlich verärgert. „Wer hat sich das gewünscht?“ Keine Antwort. Das hätte ich mir den-ken können. „Ja ja, wieder will es keiner gewesen sein …“

Überforderte „JobCoaches“

Den Vogel schießen aus meiner Sicht die sog. „JobCoaches“ ab, bei denen die Teilnehmer alle zwei Wochen in scientologyartigen ‚Monitorings‘ die Hosen herunter lassen und Rechenschaft über ihre aktuellen Bewerbungsaktivitäten ablegen müssen. (Der Be-griff „JobCouch“ wäre daher angemessener …) Dabei geben die „JobCoaches“ ‚Ratschläge‘ – meist abgedroschene Phrasen oder Binsenweisheiten – und fertigen Gesprächsprotokolle („Aktivitä-tenpläne“), die sie den Teilnehmern dann zur Abzeichnung vorle-gen. Inwieweit durch die erzwungene Preisgabe persönlicher Da-ten gegenüber einem Wirtschaftsunternehmen das Grundrecht auf „Informationelle Selbstbestimmung“ verletzt wird und durch die Manipulation der Teilnehmer das Grundrecht auf freie Be-rufswahl, lasse ich hier unkommentiert. Am 23. März 2010 ist es jedenfalls bei mir wieder soweit, denn auf meinem Laufzettel (auch Dokumentation der „Präsenzzeiten“) steht für 8:30 Uhr …

„Beratungstermin bei Ihrem Job-Coach“

Also suche ich meinen „Job-Coach“ (sic), Herrn Klaus P., in des-sen Zimmer auf. Nach der Begrüßung frage ich ihn, ob er ein Vermittlungsangebot für mich habe, worauf Herr P. mir zwei Stellenanzeigen aus dem frei zugänglichen Portal der „Bundes-agentur für Arbeit“ ausdruckt. Dann fordert er mich auf, ihm über meine Bewerbungsaktivitäten zu berichten. Doch zuvor ha-be ich noch eine Frage an ihn. Mir seien in den von ihm gefertig-ten Gesprächsprotokollen die zahlreichen Passivformulierungen aufgefallen. „Hat das etwas zu bedeuten?“ Herr P. reagiert ausge-sprochen ungehalten und fragt mich, welches Problem ich eigent-lich hätte. Ich erkläre, dass ich eine sachliche Frage gestellt hätte und darauf eine Antwort erwartete. Zum Hintergrund erläutere ich, dass laut gängigem „Zeugniscode“ Passivformulierungen ei-nen passiven Menschen beschrieben. Herr P. bittet mich um ein Beispiel und ich zitiere aus der Niederschrift vom 9. März: „Die Stellensuche wurde intensiv betrieben.“ Herr P. erklärt, dies sei die „Vergangenheitsform“. Das bestreite ich nicht. „Es ist aber auch Passiv, es ist Präteritum Passiv!“ Herr P. lacht höhnisch, wie-derholt, es handele sich um die Vergangenheits-, nicht um die Passivform. Während meiner Erklärungsversuche fährt er mir ständig über den Mund. Als ich ihm die Formulierung trotzdem grammatikalisch korrekt definiere, lacht er höhnisch und unter-stellt mir, dass ich mit dieser Diskussion das Gespräch sabotieren wolle. „Wenn Sie sich nur halb so viel Mühe für Ihre Bewerbun-gen geben würden, wie für Ihre unsinnigen Debatten, hätten Sie längst wieder einen Job.“ Ich lasse mich nicht auf die Polemik ein, sondern frage erneut, warum er so oft Passiv gebrauche. Schließlich erklärt Herr P., es gebe „eben aktive und passive Men-schen“. Diese Bemerkung ist, mit Verlaub, eine Unverschämtheit. Doch ich stelle nur fest: „Dann geben Sie also zu, dass Sie mit den von mir zu unterzeichnenden Formulierungen der Arbeits-agentur versteckt mitteilen, ich sei bei der Stellensuche passiv!“

Selbstentlastung auf dem Rücken der Teilnehmer?

Diese Wertung ist vor dem Hintergrund, dass ich allein bei der „Sexta GmbH“ an drei Tagen pro Woche jeweils acht Stunden nachweislich nach Stellen recherchiere und Bewerbungen schrei-be, für mich absolut inakzeptabel. Übrigens fallen mir auch in den Protokollen, die mir andere Kursteilnehmer zeigen, immer wieder unvorteilhafte Formulierungen auf. Daher frage ich mich: Will die „Sexta GmbH“, die nach Auskunft eines Mitarbeiters der „Agentur für Arbeit Köln“ pro Teilnehmer und Halbjahr 10.000 Euro bekommt, womöglich gegenüber dem Auftraggeber nach-weisen, dass die Schuld für ihre offenkundig miserable Erfolgsbi-lanz bei den sog. „Kunden“ selbst liege, was sie sich von diesen auch noch qua Unterschrift bestätigen lässt?

„JobCoach“: „Meine Ausbildung geht Sie gar nichts an!“

Im folgenden berichte ich Herrn P. ausführlich von den von mir geschriebenen Bewerbungen (auf Stellen Redenschreiber, Do-zent, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, PR-Journalist). Dann greife ich das von ihm im letzten Gespräch verwendete Stichwort „Plan B“ auf, teile mit, dass ich die Idee hätte, ebenfalls ‚Integrations-fachkraft‘ zu werden, und erkundige mich, welche Ausbildung ich dazu benötige. Herr P. reagiert höchst aggressiv und verweigert mir zunächst jede Auskunft. Darauf sage ich, dass dies eine sach-liche Frage gewesen sei; es bestehe kein Grund, dass er sich ange-griffen fühle. Herr P. sagt dann nur, man müsse über hinreichend Erfahrung im Personalwesen verfügen. Darauf wiederhole ich meine Frage nach der erforderlichen Ausbildung, Herr P. seine nichts sagende Antwort. Dann frage ich konkret, welche Ausbil-dung er denn habe. Herr P. reagiert wieder höchst aggressiv: „Das habe ich Ihnen schon dreimal gesagt, und ich wiederhole es nicht!“ Ich sage ihm, dass er mir auf meine entsprechende Frage bisher nur gesagt habe, dass er „drei Jahrzehnte Berufserfahrung“ habe und „kompetent“ sei, gebe zu bedenken, dass vor ihm mein Leben ausgebreitet liege, während ich von ihm doch nur wissen wolle, welche Ausbildung er habe, und bitte um Verständnis da-für, dass ich gerne wüsste, wen ich vor mir hätte. Herr P. verwei-gert mir die Auskunft. „Das geht Sie gar nichts an.“ (Anm.: Ei-nem anderen Teilnehmer, einem Fernfahrer, erzählt Herr P., er sei bei einer Speditionsfirma „am Hamburger Hafen“ in der Perso-nalabteilung tätig gewesen. Der Fernfahrer kennt zufällig die dort ansässigen Firmen und fragt interessiert, welche Firma das gewe-sen sei. Da antwortet Herr P.: „Das ist nicht wichtig.“)

Hämische Bemerkungen statt guter Beratung

Dann komme ich auf seine im letzten Gespräch geäußerte, hefti-ge Kritik an meinem Deckblatt zu meiner Bewerbung bei einer Kulturstiftung zurück. Herr P. hat mich hinsichtlich des von mir verwendeten, mit Bildbearbeitungsprogramm optimierten Por-trätfotos mit römischem Helm angeblafft: „Wollen Sie von vorn-herein nicht ernst genommen werden?!“ Dazu lese ich ihm nun aus dem Antwortschreiben der Kunststiftung vor: „Bedauerli-cherweise muß ich Ihnen jedoch mitteilen, daß wir uns zwischen-zeitlich bereits für einen anderen Bewerber entschieden haben und daher Ihre Bewerbung – trotz des überaus gelungenen ‚eye-catcher‘ [Blickfang] – leider nicht mehr berücksichtigen konnten.“

            Darauf sagt Herr P. hämisch, bei Bewerbungen seien der Phantasie eben keine Grenzen gesetzt. „Manche überlegen auch, in ihrem Lebenslauf auf persönliche Daten ganz zu ver-zichten! [Klingt unglaublich, ist aber wahr.]“ Ich frage P., was die-se Bemerkung denn wieder solle, worauf er grinsend seinen letz-ten Satz wiederholt. (Die positive Resonanz der Kulturstiftung auf mein Porträt wird mich veranlassen, dieses auf den Umschlä-gen meiner drei nächsten Bücher selbstbewusst zu verwenden.)

Wahrheitswidrige Protokolle für die ‚Arbeitsagentur‘?

Während der ganzen Unterredung hat P. umfassende Notizen am Computer gefertigt, die er mir aber nicht zur Kenntnisnahme vor-legt. Als er das offizielle Protokoll anfertigt, schlage ich ihm eine Aktivformulierung vor: „Herr Dreßler bewarb sich bei …“ Die-sen Vorschlag greift Herr P. aber nicht auf, sondern schreibt laut deklamierend wieder eine Passivformulierung, druckt das Schrift-stück aus, versieht es mit Datum und Unterschrift und legt es mir zur Unterschrift vor. Das Protokoll ist äußerst knapp gehalten. Im zweiten Absatz heißt es: „Der Kunde zog es heute vor, eine längere Diskussion über die Passivform in der Gesprächsdoku-mentation zu führen.“ Ich verzichte auf einen Kommentar dazu, weise Herrn P. aber auf eine falsche Schreibweise („Akademnie“) hin und bitte um Korrektur, doch Herr P. weigert sich, das Proto-koll zu verändern, und blafft mich an: „Sie können es unterschrei-ben oder es auch bleiben lassen!“ Darauf schreibe ich unter die Ausführungen von Herrn P.: „das Protokoll entspricht nicht der Wahrheit“, und unterschreibe diesen Kommentar.

Falschberatung führte zu Sperrfristen

Zunächst ‚betreute‘ mich bei der „Sexta GmbH“ Herr R. (s. o.), der mir beim ersten Termin von meinen zehn vorbereiteten Fra-gen zu der Maßnahme (z. B.: „Wieviel Prozent der Kursteilneh-mer finden innerhalb der Maßnahmedauer eine neue Arbeit?“, „Welche sind die in der Broschüre erwähnten Kontakte zu Unter-nehmen der Wirtschaft?“) nur die nach den Inhabern der „Sexta GmbH“ beantwortete. Herr R. wies mich nach der Beschreibung meiner bisherigen Fortbildungen darauf hin, dass ich die Maß-nahme nicht antreten bräuchte, sondern ihr laut Sozialgesetzbuch II „aus wichtigem Grund“ fernbleiben könne. Darauf erklärte ich, dass ich eventuell die ‚Arbeitsagentur‘ fragen würde, ob die Maßnahme in meinem Fall sinnvoll sei, sie aber antreten würde. Zwei ehemalige Mitarbeiterinnen von „Strauss Innovation“ nah-men den ‚Ratschlag‘ von Herrn R. dagegen an – und fingen sich prompt eine dreiwöchige Sperre des Arbeitslosengeldes I ein. Die ‚Arbeitsagentur‘ hatte bei der „Sexta GmbH“ ein festes Kontin-gent gebucht, jeder Teilnehmer weniger bedeutete für das Unter-nehmen weniger Arbeit, weniger Kosten, so erklärt sich für mich jener ‚Ratschlag‘. Nur nebenbei sei erwähnt, dass Herr R. in das Protokoll des zweiten Termins schrieb: „Fragen zur Maßnahme hat er [Herr Dreßler] momentan keine.“ Das stimmte natürlich nicht, denn ich hatte noch immer Fragen – nämlich jene neun, die nicht beantwortet worden waren (s. o.).

„JobCoach“ wollte Teilnehmer zur Unterschrift nötigen

Am 14. Dezember 2009 kam es dann zu einem sehr denkwürdi-gen Termin. Herr R. verwickelte mich in ein Gespräch über mei-ne berufliche Situation, währenddessen er unaufhörlich am PC mitschrieb. Anschließend druckte er ein Gesprächsprotokoll aus und wollte es schon unterzeichnen. Da bat ich ihn, es mir zu-nächst vorzulegen. Im Protokoll entdeckte ich eine Reihe negati-ver Formulierungen (z. B.: „allerdings ohne Erfolg“) und bat dar-um, diese durch positive (z. B.: „bisher ohne Ergebnis“) zu erset-zen. Herr R. nahm unter Protest – Zitat: „Ich habe die Wahrheit geschrieben!“ – halbherzige Veränderungen vor. Diese gingen mir nicht weit genug. „Ich bin nicht bereit, ein Protokoll zu un-terzeichnen, das mich in ein schlechtes Licht rückt.“ Herr R. wei-gerte sich jedoch, weitere Veränderungen vorzunehmen, und ver-suchte von mir unter Hinweis auf meine zu Beginn der Maßnah-me schriftlich abgegebene Erklärung, alles tun zu wollen, um wie-der in Arbeit zu kommen, eine Unterschrift zu erzwingen. „An-derenfalls würden Sie sich maßnahmewidrig verhalten!“ Ich lehn-te die Unterschrift ab und bezeichnete den Nötigungsversuch als „respektlos“. Herr R. weigerte sich daraufhin, mir weiterhin als „JobCoach“ zur Verfügung zu stehen, und denunzierte mich noch am selben Tag gegenüber der ‚Arbeitsagentur‘ wegen ver-meintlich „maßnahmewidrigen Verhaltens“. Dazu heißt es unter Punkt 1 der „Haus- und Maßnahmeordnung“: „Die Teilnehmer der Vermittlungsprojekte sind verpflichtet, an den vereinbarten Terminen teilzunehmen, mitzuarbeiten und Störungen zu unter-lassen. Wir sind vertraglich angehalten, fehlende Mitwirkung dem Auftraggeber zu melden. Vorsorglich weisen wir darauf hin, dass bei unzureichender Mitwirkung Sanktionen durch die BA / AR-GE gem. SGB III / SGB II erfolgen können.“ Am 21. Dezember 2009 (Frohe Weihnachten!) musste ich daher in der „Agentur für Ar-beit Köln“ antanzen und mich bei Herrn Fritz T. rechtfertigen …

Sperrfrist wegen Weigerung, die Unwahrheit abzuzeichnen?

Herr T. erklärte mir, er habe mich in Vertretung meiner „Arbeits-beraterin“ zu sich gebeten, um „auch die andere Seite“ zu hören. Denn die „Sexta GmbH“ habe der ‚Arbeitsagentur‘ mitgeteilt, ich hätte ein Gesprächsprotokoll nicht unterzeichnet, meine Sozial-versicherungsnummer nicht angegeben, unter „uneheliche Kin-der“: „unbekannt“ angegeben und würde mich somit „maßnah-mewidrig“ verhalten, was bekanntermaßen eine Sperrfrist nach sich ziehen könne. Dazu erklärte ich, dass ich das Gesprächspro-tokoll nicht unterzeichnet hätte, weil es nicht der Wahrheit ent-sprochen habe; es sei sehr negativ formuliert gewesen und habe wesentliche Aspekte unterschlagen. Sollte ich die Sozialversiche-rungsnummer nicht angegeben haben, könne das nur ein Verse-hen gewesen sein. Herr R. hätte sie leicht bei mir erfragen kön-nen, anstatt sich über mich zu beschweren. Und was die Zahl meiner unehelichen Kinder betreffe, könne ich tatsächlich keine belastbaren Angaben machen. (Meine Angabe war meinem ernst-haften Bemühen um Wahrhaftigkeit geschuldet. Hätte ich denn keck behaupten sollen, dass ich keine unehelichen Kinder habe, um damit womöglich eine wahrheitswidrige Aussage zu machen? Auch die Sorge um meine Glaubwürdigkeit spielte eine Rolle. Denn ich hätte ja riskiert, als Lügner bloßgestellt zu werden, soll-te mir Ahnungslosem einmal ein Halbwüchsiger am Mantel zup-fen, fröhlich „Papa“ zu mir sagen und mich zum Vaterschaftstest schicken.) Dann wies ich darauf hin, dass mich Herr R. schon einmal aus der Maßnahme habe schubsen wollen, nur weil ich zu deren Beginn krank geschrieben war. Wörtlich sagte er mir am Telefon: „Sie haben die Maßnahme nicht angetreten und damit sind wir nicht mehr für Sie zuständig.“ Im Anschluss an das Ge-spräch mit Herrn T. musste ich eine „Eingliederungsvereinba-rung“ unterschreiben, der zufolge ich den Termin vom 4. Januar 2010 wahrnehmen, weiterhin die „Sexta GmbH“ aufsuchen und die SV-Nummer nachreichen würde. Auf meinen Wunsch er-gänzte Herr T.: „Ich bin mit den Dozenten sehr zufrieden und nehme aktiv an den Seminaren teil.“

            Damit hatte ich die Verhältnisse zurecht gerückt. Was war ich froh, dass man in der Behörde noch seinen Seneca (röm. Philosoph, 1 v. – 65 n. Chr.) kannte: „Qui statuit aliquid parte in-audita altera, / […] haud aequus fuit – Wer irgendetwas be-schlossen hat, ohne dass die andere Partei gehört worden wäre, […] ist nicht gerecht gewesen“ (Medea 199 f.).

            Wenige Tage später bat Herr R. uns Teilnehmer instän-dig, die Pausenzeiten einzuhalten. Die „Agentur für Arbeit“ habe Wind davon bekommen, dass bei der „Sexta GmbH“ die Zeiten nicht eingehalten würden, und schicke Kontrolleure ins Haus. Herr R. konnte sich nach seinen eigenen Worten nicht erklären, wie die Behörde davon erfahren habe. Natürlich verzog ich keine Miene, spielte ich „Sphinx“. R. sollte ruhig einmal Revue passie-ren lassen, wer alles einen Grund gehabt haben könnte, ihm eins auszuwischen. Vielleicht würde er dann – angesichts der mögli-cherweise beeindruckenden Bildergalerie, die sich da seinem gei-stigen Auge erschließen würde – künftig mit seinen „Kunden“ re-spektvoller umgehen, ja sogar zum wahren Glauben zurück fin-den: „Alles nun, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Denn das ist das Gesetz und die Pro-pheten“ (Evangelium nach Matthäus 7, 12).

„Vom Regen in die Traufe“ – beim neuen „JobCoach“

Bei unserem ersten Termin, der am 12. Januar 2010 statt fand, be-richtete ich Herrn P. u. a., dass ich gerne über den Quereinstieg Lateinlehrer werden wolle. Mein neuer „JobCoach“ stellte jedoch meine pädagogische Befähigung in Frage. Ich sagte, dass ich als Student oft in Seminaren referiert hätte, sehr gut erklären könne und mit Jugendlichen gut zurecht käme. Herr P. gab zu bedenken, dass Schüler ein anderes Publikum seien als Studenten. Dem stimmte ich zwar zu, zeigte mich aber trotzdem überzeugt, mit Schülern klar zu kommen. Herr P. akzeptierte meine Überzeu-gung, ein guter Lateinlehrer werden zu können, jedoch nicht, son-dern zog meine pädagogische Befähigung so massiv in Zweifel, dass ich den Eindruck erhielt, er wolle mich demotivieren. Beim nächsten Termin berichtete ich ihm über mein Vorstellungsge-spräch an einem Städtischen Gymnasium, wobei ich allerdings über einen weniger erfreulichen Aspekt hinweg ging. Der Direk-tor hatte mich nämlich nicht nur kurzfristig zum Vorstellungsge-spräch (unter vier Augen) eingeladen, sondern mir auch bedeutet, er hätte lieber einen ‚richtigen‘ Lateinlehrer als Vertretung (im Krankheitsfall). Zum Abschied hatte er mir gesagt: „Wenn ich mich nicht innerhalb einer Woche melde, hat sich das erledigt“ …

„JobCoach“ nur ein Blender?

Außerdem berichtete ich P., ich hätte ein Arbeitszeugnis wegen ei-ner ungünstigen Formulierung reklamiert, und las den beanstan-deten Satz vor. Herr P. sah mich fragend an. Darauf erklärte ich ihm, welche Bedeutung dieser Satz gemäß „Zeugniscode“ habe. Am 9. Februar berichtete ich dann, dass ich das wunschgemäß korrigierte Zeugnis nun erhalten hätte. Herr P. fragte mich, was die Beanstandung gewesen sei. Ich zitierte den beanstandeten Satz erneut, worauf Herr P. ausrief: „Genau, das war mir auch beim ersten Lesen Ihrer Unterlagen sofort ins Auge gesprungen.“ Von da an war mir klar, dass ich einem Blender gegenüber saß. Kurz zuvor hatte er meine Auskunft, mich beim „Trierischen Volksfreund“ beworben zu haben, so kommentiert: „ah, ein altes Traditionsblatt!“ Er hatte also so getan, als würde er die älteste Tageszeitung Deutschlands bestens kennen. Im Gesprächsproto-koll schrieb er dann allerdings „Trierischer Volksbote“. Da kannte er also nicht einmal mehr den Namen … Wie schrieb Friedrich von Schiller (10. 11. 1759 – 9. 5. 1805) in seinem Spätwerk von 1803, der „Braut von Messina“ (3, 4)? „Blendwerk der Hölle!“

„JobCoach“: kein Interesse an Namen seiner „Kunden“

Am 23. Februar 2010 fragte ich Herrn P., warum er immer „der Kunde“ statt „Herr Dreßler“ schreibe, und erhielt folgende Ant-wort: „Wenn ich die Namen schreiben würde, müsste ich mir ja jedes Mal die Schreibweisen ansehen und dann womöglich trotz-dem einen Fehler machen.“ Ich wunderte mich sehr darüber, dass sich mein „JobCoach“ nicht einmal die Mühe machte, sich mit der Schreibweise der Namen seiner sog. „Kunden“ auseinander zu setzen. Wie wollte er denn da Menschen, die in einer schwieri-gen Situation waren, kompetente Hilfe anbieten?

            Sein Desinteresse hatte er deutlich dokumentiert.

Stammtischparolen statt kompetenter Beratung

Am 9. März 2010 fragte mich Herr P., nachdem ich ihm konkret über meine Bewerbungen berichtet hatte, unvermittelt: „Haben Sie einen ‚Plan B‘?“ Ich bat ihn zu konkretisieren, was er darunter verstehe. Herr P. wurde unwirsch. „Herr Dreßler, Sie müssen doch einen ‚Plan B‘ haben!“ Darauf wies ich ihn indirekt darauf hin, dass ich sogar Plan B, C und D hätte, indem ich meine Be-werbungen als Journalist und als Lateinlehrer sowie meine Buch-manuskripte ansprach. Herr P. zeigte sich dennoch unzufrieden. Da bat ich ihn: „Wenn Sie irgendetwas sehen, was ich nicht sehe, sagen Sie es mir bitte! Ich bin offen für Anregungen und greife sie gerne auf!“ Doch Herr P. vermochte mir nicht zu sagen, was ich konkret noch tun könnte. Doch gerade darin sah ich seine Aufgabe. „Machen Sie doch einmal einen konkreten Vorschlag, Herr P. – immerhin nennen Sie sich ‚meinen JobCoach‘!“ Herr P. verbat sich diese Bezeichnung. „Gehen Sie einmal vor die Tür und lesen Sie, was auf meinem Türschild steht: da steht ‚Integra-tionsfachkraft‘!“ Mir war jedoch nicht nach semantischen Diskus-sionen zumute. „Es ist doch völlig egal, wie man das Kind nennt! Es wäre Ihre Aufgabe, mir konkret bei der Arbeitssuche zu hel-fen! Stattdessen kriege ich immer nur irgendwelche Sprüche zu hören! Es wäre besser gewesen, die Arbeitsagentur hätte mich in Ruhe gelassen und mich meine Bücher fertig stellen lassen – dann wäre ich heute beruflich womöglich weiter!“ Nun wurde Herr P. richtig fies. „Dann stellen Sie sich also vor, der Gemeinschaft auf der Tasche zu liegen, während Sie Ihre Bücher schreiben?!“ Das akzeptierte ich nicht. „Den Schuh, ein Schmarotzer zu sein, wer-de ich mir nicht anziehen! Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass so wenige Stellen im Kulturbereich geschaffen werden. Ich habe übrigens auch alles getan, um von der KVB übernommen zu wer-den. Man hat mich aber nicht übernommen, und das sicher nicht, weil ich ein schlechter Prüfer gewesen wäre!“

Jetzt reicht’s!

Doch zurück zum 23. März 2010. Ich fühle mich nach dem Ter-min bei meinem „JobCoach“ tief verletzt, rufe die „Agentur für Arbeit Köln“ an und suche sie auf. Gegenüber Sachbearbeiterin P. vom „Team 121“ erkläre ich, dass mich meine „Integrations-fachkraft“ bei der „Sexta GmbH“ in meiner Ehre verletzt habe, und bitte darum, der ‚Arbeitsagentur‘ künftig direkt über meine Bewerbungsaktivitäten berichten zu dürfen. Am folgenden Tag finde ich eine E-Mail der ‚Arbeitsagentur‘ vor. Frau K. („Stellver-tr. Teamleiterin“) teilt mir mit: „Bezgl. Ihres Anrufs habe ich die Fa. [Firmenname] kontaktiert. Frau [Name] würde Ihnen bei wei-terer Teilnahme gerne als persönliche Ansprechpartnerin zur Ver-fügung stehen.“ Diesem Vorschlag stimme ich umgehend per E-Mail zu.      Frau K. ruft mich am selben Tag auch noch an. Und Herr P. bekommt nun eine Vorstellung von meiner „Passivität“.

„Neues Spiel, neues Glück“?

Am 9. April 2010 habe ich einen einstündigen Gesprächstermin bei Frau Liselotte M., einer ehemaligen Informatikerin. Der Be-ruf weckt mein Vertrauen, habe ich doch also einen vernunftbe-gabten Menschen vor mir … Wir sprechen über alle Aspekte meiner Arbeitsuche und kommen überein, dass ich meine bisheri-gen Aktivitäten weiter verfolge. Die wenig sensationellen ‚Ergeb-nisse‘ werden als „Gesprächszusammenfassung“ in einem voll-mundig „Coaching-Pass“ (!) betitelten Papier festgehalten. Dieses dokumentiert den Einsatz der „Sexta GmbH“. (Die lustigen Na-men der „Sexta GmbH“ erinnern mich an eine Begebenheit aus der wilden Zeit der „New Economy“: In dem Unternehmen ei-nes Hochstaplers verteilte eine junge Angestellte an alle Besucher Visitenkarten, auf denen unter ihrem Namen bedeutungsschwer „V. I. A.“ stand. Die Empfänger waren auch alle tief beeindruckt, aber niemand mochte sich eine Blöße geben, indem er fragte, wo-für „V. I. A.“ eigentlich stehe. Lachend erklärte es der Firmenin-haber, nachdem er rechtskräftig verurteilt worden war, einem Fil-memacher: Die Abkürzung „V. I. A.“ stehe für „Very Important Azubine“ …) Doch was mich betrifft, habe ich wieder einmal sehr persönliche Auskünfte über mich erteilen müssen, ohne da-von auch nur irgendeinen Nutzen zu haben. Oder steht jetzt etwa meine ‚vorzeitige Entlassung wegen guter Führung‘ an? Das ist leider nicht der Fall. Also habe ich noch einen zweiten Termin am 26. April 2010. Es ist, nebenbei bemerkt, der Jahrestag der Reak-torkatastrophe von Tschernobyl. Warum mir das einfällt, fragen Sie? Ich weiß es nicht. Jedenfalls erhalte ich eine „Evaluation“, die so beginnt: „Herr Dreßler ist 48 Jahre alt. Kunsthistoriker. Zu-letzt gearbeitet bei der KVB als Fahrausweisprüfer. / Herr Dreß-ler arbeitete im Verlauf der Maßnahme motiviert mit. Der Kunde ist in der Lage mit den erstellten Bewerbungsunterlagen, den ein-geleiteten Bewerbungsprozess selbstständig fortzusetzen.“

            Wie heißt es in Johann Wolfgang von Goethes „Faust, der Tragödie erster Teil“ (Vers 1966 f.)? „Denn, was man schwarz auf weiß besitzt, / Kann man getrost nach hause tragen“ … und beschwingt im ‚Rundordner‘ ablegen. Doch sei zur Ehrenrettung von Frau M. angeführt, dass sie meine Zukunft nicht im Lehrerberuf, sondern im Journalismus sah, und damit, wie es zwei Sozialreportagen und viele, vergebliche Bewerbungen um eine Lehrerstelle später aussieht, vermutlich nicht falsch lag.

Teilnehmer für eigene Zwecke eingespannt

Anzumerken ist noch, dass die „Sexta“ sehr geschickt darin ist, die Arbeitskraft der Teilnehmer für ihre eigenen Belange einzu-setzen. So bildet Herr R. mit Teilnehmern eine sog. „Beratungs-firma“, die in spielerischer Form andere Teilnehmer zu „vermit-teln“ hat, indem sie für diese nach Stellenanzeigen sucht. Am 20. April lässt er sich von Teilnehmern neues Mobiliar vom Möbel-wagen in einen neuen Raum tragen und gewährt ihnen als ‚Ge-genleistung‘ ab 13:00 Uhr frei. (Das gab es einst ohne jeden Auf-wand.) In jedem Punkt profitiert natürlich die „Sexta GmbH“.

„Wenn’s um Geld geht …“

Skurril finde ich bei der „Sexta GmbH“ den Umgang mit dem Fahrgeld, das den Teilnehmern auf Antrag und bei Vorlage der Belege erstattet wird (obwohl die ‚Arbeitsagentur‘ üblicherweise pro Teilnehmer pauschal anweist). Zunächst soll ich Herrn R. den Empfang des Geldes quittieren, ehe ich es erhalte – Begründung: „Dann brauche ich bei der Entnahme aus der Kassette keinen Zettel schreiben“ –, die nächsten Male erhalte ich das Geld, ohne den Empfang quittieren zu müssen. Und schließlich legt mir die Sekretärin, Frau Chantal K., einen verschlossenen Umschlag mit dem Betrag auf den Tresen und bittet mich, ihr den Empfang zu quittieren. Nur der Höflichkeit halber frage ich: „Sie erlauben, dass ich nachzähle?“ Denn es ist für mich selbstverständlich, dass ich einen Betrag, dessen Empfang ich quittieren soll, auch nach-zuzählen habe. Frau K. sieht mich jedoch entsetzt an. „Herr Dreßler, das ist jetzt nicht Ihr Ernst?!“

            Doch, es ist mein Ernst. Scherzhaft sage ich: „Ich muss doch nachprüfen, ob im Umschlag überhaupt Geld drinnen ist!“

            Frau K. sieht mich wütend und traurig an. Von da an verhält sie sich mir gegenüber deutlich kühler. Mit einer lat./dt. verfassten und ihr an meinem letzten Tag bei der „Sexta GmbH“ überreichten „Descriptio/Urkunde“, in der ich ihre Verdienste um uns Teilnehmer würdige, erobere ich ihre Sympathie zurück.

            Die junge Dame strahlt. Sie ist eben doch eine Perle.

„Von der Pranke [schätzt man] den Löwen“?

Ohne endgültig ins Belanglose abgleiten zu wollen, scheint mir noch eine Episode der Erwähnung wert: Beim ersten Besuch der „Sexta GmbH“ am 16. November 2009 bat mich Herr R., zum nächsten Termin einen USB-Stick mitzubringen, und vermerkte unter „vom Kunden zu erledigen“ im „Aktivitätenplan“: „USB-Stick sofern vorhanden zur Datenspeicherung mitbringen“. Doch den Unterlagen entnahm ich, dass die Teilnehmer von der „Sexta GmbH“ einen USB-Stick erhalten. In der „Benutzererklärung PC / Internet“ steht unter Punkt 4: „Stattdessen erhält jeder Teilneh-mer zum Zwecke der Bearbeitung sowie der Datensicherung ei-nen Datenträger.“ Im nächsten Absatz wird es noch deutlicher: „Des weiteren ist es nicht gestattet, eigene Datenträger zu benut-zen.“ Also steckte ich zwar sicherheitshalber einen eigenen USB-Stick ein, bat jedoch die Sekretärin, mir einen USB-Stick zu ge-ben, was sie ohne Beanstandung tat. Denn ich war der Meinung: Die „Agentur“ hatte ihn bezahlt, also stand er mir auch zu. War-um ich Ihnen diese scheinbar nebensächliche Episode berichte? Nun, wenn ich für einen USB-Stick einen Wert von zehn Euro ansetze, bedeutet die Einbehaltung der USB-Sticks bei fünfzig Teilnehmern eine ‚Ersparnis‘ von fünfhundert Euro. Das sind in richtigem Geld fast eintausend Mark. Hier geht es also um nicht weniger als den Begriff des „Ehrlichen Kaufmanns“.

            Zu dem von mir für den Zwischentitel verwendeten Zi-tat (lat. „ex ungue leonem“) sei folgendes angemerkt: Der grie-chische Schriftsteller Lukian (um 120 – nach 180 n. Chr.) schildert (Hermotimos 54), dass der attische Bildhauer Phidias (5. Jhd. v. Chr.), Schöpfer der über zwölf Meter hohen, gold-elfenbeinernen Statuen der Athena Parthenos im Parthenon zu Athen sowie des sitzenden Zeus in dessen Heiligtum zu Olympia, aus der Größe einer Löwenpranke auf die Größe des ganzen Tieres habe schlie-ßen können. So sei es auch sonst oftmals möglich, aus einem be-kannten Teil auf das unbekannte Ganze zu schließen.

Fazit

Ich habe die Maßnahme als Ganzes als eine Zumutung, ja fast als eine Form von Freiheitsentzug empfunden. Ohne fairen Prozess und rechtskräftige Verurteilung fand ich mich in einer Art ‚Lager‘ wieder, das näher zu definieren mir das Strafgesetzbuch verbietet. Den anderen „Maßnahmeteilnehmern“ antwortete ich auf deren Fragen nach meinem Ausscheiden immer: „am 28. April … es sei denn, ich werde wegen ‚guter Führung‘ doch noch vorzeitig ent-lassen“. (Der Spruch kam immer gut an, ist aber, wie die meisten guten Sprüche, geklaut; vgl. „Manche mögen’s heiß“, USA 1959.)

            Hätte nicht für die meisten Teilnehmer ein zweiwöchi-ges Training, bei dem alle Unterlagen überprüft und Tipps für die Bewerbung gegeben worden wären, völlig ausgereicht? Hätten sich die Teilnehmer nicht im Anschluss daran eigenverantwortlich von zuhause aus bewerben können? Die meisten dürften doch wohl einen Computer besitzen. Wäre diese Methode nicht viel ef-fektiver und auch kostensparender gewesen? An dieser Stelle er-laube ich mir auch die Frage, ob die ein halbes Jahr dauernde ‚Ka-sernierung‘ bei der Firma „Sexta GmbH“ die Rückkehr in den Ersten Arbeitsmarkt tatsächlich gefördert … oder vielleicht doch eher erschwert hat. Immerhin hat uns Teilnehmern die Zeit, die wir hier mit fragwürdigen Aufgaben zubringen mussten, für viel-leicht sinnvollere Aktivitäten gefehlt. Übrigens gilt „GanzIL“ nicht als „Weiterbildung“, so dass sich die Anspruchsdauer auf Alg I um einen Tag je Tag der Teilnahme verkürzt (anderenfalls nur um einen halben Tag). Die immerwährende Gängelung führt auch zu einer nicht immer unproblematischen Bewusstseinsspal-tung: Auf der einen Seite müssen Arbeitslose die ihnen oftmals ohne Sinn und Verstand gemachten Auflagen erfüllen und selbst noch das absurdeste ‚Kasperletheater‘ mitmachen, um nicht we-gen „mangelnder Mitarbeit“ eine „Sanktionierung“ zu erleiden. Auf der anderen Seite müssen sie aus wohl verstandenem Eigen-interesse zusehen, durch rationales Handeln wieder Arbeit zu finden. Oder ging es der ‚Arbeitsagentur‘ nur darum, (womöglich kurz vor der anstehenden Landtagswahl in NRW?) ihre Arbeitslo-senstatistik zu schönen, und hat sie dazu die „Sexta GmbH“ mit einer halbjährigen Betreuung ihrer „Kunden“ beauftragt? Dann handelte es sich bei jener um eine denkbar teure ‚Arbeitslosenver-wahranstalt‘, und sollte man vielleicht einmal im federführenden Ministerium darüber nachdenken, ob Versichertenbeiträge und Steuergelder dazu da sind, zur Aufhübschung und Aufrüschung von Arbeitslosenstatistiken Unternehmen einer regelrechten „Hartz-IV-Industrie“, denen es nur darum geht, sich ein mög-lichst großes Stück vom Kuchen abzuschneiden, durchzufüttern.

            Wäre das Geld, das hier mit vollen Händen zum Fenster hinaus geworfen wurde, nicht wesentlich besser bei den „Persön-lichen Ansprechpartnern“ der Arbeitslosen in der Behörde aufge-hoben gewesen, um dort gezielt, d. h. zur individuellen Förde-rung, eingesetzt zu werden? Hätte das den vollmundigen Ankün-digungen zur „Arbeitsmarktreform“ nicht viel eher entsprochen?

aeqvam memento rebvs in ardvis /

servare mentem […]

„Bedenke im Unglück Gleichmut zu bewahren […].“

Horaz, Oden 2, 3, 1 f.

Quelle: Enno E. Dreßler, Die Unfreiheit des Arbeitslosen, Drei Jahre im Kölner Hartzodrom, Norderstedt März 2013, S. 25 ff. (m. fr. Genehmigung)

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