Fördern oder Bevormunden? Wie das Jobcenter Kunden infantilisiert

Fördern oder Bevormunden - Bild: Bronisz

Um es vorweg zu schreiben: Dieser Artikel handelt nicht von behördlichem Versagen. Vielmehr  dokumentiert er, dass eine Mitarbeiterin bzw. ein Mitarbeiter des Jobcenters Köln gemäß denErwartungen der Jobcenterleitung gearbeitet hat. Aber das ist halt manchmal das Problem

Weil mir als einem Kunsthistoriker mit den Nebenfächern Klassische Archäologie und Ägyptologie sowie dem akad. Grad eines Magister Artium (M. A.) beruflich jede Tür vor der Nase zugeschlagen worden war, begann ich Bücher zu schreiben und, nach mehreren Absagen von Verlagen, selbst zu veröffentlichen; ich übe eine selbstständige Tätigkeit aus, deren Bezeichnung Self-Publisher lautet. Nichtsdestoweniger bin ich von Arbeitslosengeld II (Alg II, vulgo: Hartz IV) abhängig geblieben.

In der Folge bekomme ich einen Bewilligungsbescheid immer nur für ein halbes Jahr (üblich: ein ganzes Jahr). Vor Abgabe des Fortbewilligungsantrages muss ich meine Kristallkugel befragen und eine sechsseitige Anlage EKS (Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit) mit Kreuzchen bei „[Die Angaben sind] vorläufig“ mit meiner Gewinnerwartung abgeben. Die lautete bisher immer: „Ich erwarte Verluste“. Nach Ablauf eines Bewilligungszeitraumes, sozusagen im Nachgang, habe ich eine Anlage EKS, Kreuzchen bei „[Die Angaben sind] abschließend“, mit Angabe aller Einnahmen und Ausgaben sowie allen Nachweisen einzureichen. Von dem Formular besitze ich einen ganzen Stapel Kopien mit den unveränderlichen Angaben. Vor jeder Antragsabgabe und kurz nach jedem Bewilligungszeitraum gebe ich ein vollständig ausgefülltes Exemplar persönlich im Jobcenter ab.

Trotzdem hat mir die Leistungsabteilung des Jobcenters wieder einmal eine Aufforderung zur Mitwirkung (Betreffzeile) zugesandt: „Sehr geehrter Herr Dreßler,/ Sie haben Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) beantragt./ Es ist zu überprüfen, ob und inwieweit für Sie ein Anspruch auf Leistungen besteht beziehungsweise bestanden hat./ Folgende Unterlagen beziehungsweise Angaben werden hierzu noch benötigt.:/ -bitte füllen Sie die beigefügte Anlage EKS bzgl. der abschließenden Angaben zum Einkommen aus Selbstständigkeit für den Zeitraum 01.07.2018 bis 31.12.2018 vollständig aus./ Bitte reichen Sie diese bis 11.01.2019 ein./ Bitte beachten Sie:/ Wer Sozialleistungen beantragt oder erhält, hat alle Tatsachen anzugeben, die für die Leistung erheblich sind und Änderungen in den Verhältnissen unverzüglich mitzuteilen (§ 60 Erstes BuchSozialgesetzbuch – SGB I)./ Haben Sie bis zum genannten Termin nicht reagiert oder die erforderlichen Unterlagen nicht eingereicht, können die Geldleistungen ganz versagt werden, bis Sie die Mitwirkung nachholen (§§ 60, 66, 67 SGB I).Dies bedeutet, dass Sie keine Leistungen erhalten./ Mit freundlichen Grüßen/ Jobcenter Köln“

Worin das Problem liegt? Darin, dass mir nur elf Tage nach Ablauf des Bewilligungszeitraumes bleiben, um die Anlage EKS mit den abschließenden Angaben für das 2. Halbjahr 2018 auszufüllen, mit allen erforderlichen Nachweisen zu versehen und im Jobcenter einzureichen? Kaum, denn ich kann spätestens ab Neujahr 2019 alle Honorare per Kontoauszügen dokumentieren. Aber warum fordert mich das Jobcenter, noch dazu in derart rüdem Ton, zu etwas auf, dem ich immer auch unaufgefordert nachkam? Wie würde sich eine Autofahrerin – nehmen wir einmal dieses Beispiel – fühlen, wenn der Beifahrer sie ständig auffordern würde, bei Rot anzuhalten? Würde sie das nicht als respektlos empfinden? Muss das Jobcenter mich also nach all den Schikanen der Vergangenheit auch noch infantilisieren? Wäre es nicht besser, auf meine „Selbstständigkeit“ zu bauen? Nicht zuletzt auch deshalb, weil ich ja einen potenziellen Arbeitgeber davon werde überzeugen müssen, dass ich ein wertvoller Mitarbeiter sein würde, soll ich den Leistungsbezug einmal beenden, und mir das womöglich nicht gelingen wird, wenn mich das Jobcenter zum Kleinkind herabgestuft hat?

Ich wünsche mir, dass Jobcenter in existenzielle Not geratene Menschen wie Erwachsene behandeln und Erwerbslose ihren Reichtum an Wissen, Können, Erfahrung und revolutionärem Elan erkennen, um dann selbstbewusst die ihnen zustehende gesellschaftliche Teilhabe einzufordern.

Weiterführende Literatur: Enno E. Dreßler, Die Unfreiheit des Arbeitslosen, Fünf Jahre im Kölner Hartzodrom, Norderstedt 2012 (6. ,überarbeitete und ergänzte Auflage, Mai 2018), 356 Seiten, Paperback, 20,00 Euro, ISBN: 978-3-7412-5254-9

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