Hilft Kunst Geben?

Nicht die Not ist das Schlimmste, sondern dass sie ertragen wird. Denn das Hinnehmen von Armut, während es Reichtum gibt, ist geistiges Versagen. (Erich Mühsam)

Statt echte Umverteilung auch nur anzudenken, geben sich die Besserverdienenden, Wohlhabenden und besonders gut Situierten in den vergangenen Jahren vermehrt der Mildtätigkeit und Fürsorge hin. Sie geben den barmherzigen Samariter (und sind doch wahre Pharisäer). Sie geben Charity-Galas und spenden (natürlich gegen Quittung, der Steuer wegen). Sie beklagen was sich alles ändern muss (damit sich bloß nichts ändert). Willfährige Mitspieler bei diesem modernen Ablasshandel sind all zu oft Kunst- und Kulturschaffende, die üblicherweise auch nicht zu den Gewinnern in dieser Gesellschaft gehören. Hier setzt seit kurzem der Verein „Kunst hilft Geben e.V.“ an und verkauft Werke von weniger bekannten wie auch höchst bedeutsamen Künstlern (Immendorf, Polke, Richter). Die Erlöse gehen an karitative und gemeinnützige Organisationen wie der Kölner Tafel e.V. und anderen. Erklärtes Hauptziel ist der Erwerb eines Hauses, in dem 8-12 Obdachlose „würdevoll leben können und nach ihren Möglichkeiten bei der Modernisierung mithelfen“ (Quelle: kunst-hilft-geben.de). Als die dafür initiierte Ausstellung „Topografie der Obdachlosigkeit“ am 24. Oktober im Neuen Kunstforum in der Kölner Südstadt  eröffnet wurde, fanden sich auch einige weniger betuchte Gäste ein.

Rund fünfzig Demonstranten protestierten lautstark gegen die inszenierte Wohltätigkeits-veranstaltung. Motto: Eure Gala: Armut. Elend. Ausgrenzung. Sie verurteilten die „Pseudo-Solidaritäts-Gala der Reichen und Schönen Kölns“ und zeigten auf „dass es weniger darum geht, tatsächlich zu helfen, als sich selbst auf die Schulter zu klopfen und das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen“ (Quelle: rechtaufstadt-koeln.de). Es wurde darauf hingewiesen, dass sich unter den Unterstützern von „Kunst hilft Geben e.V.“ neben den üblichen Verdächtigen auch die Präsidenten der IHK, des Haus- und Grundbesitzervereins sowie die Baronin von Oppenheim befinden. Allesamt Akteure also, die ihren finanziellen, wirtschaftlichen und politischen Einfluss für gewöhnlich dafür nutzen, den Sozialabbau zu verschärfen, die Mieten in die Höhe zu treiben oder die Steuern für Wohlhabende zu senken. Ein Teilnehmer empörte sich denn auch darüber, dass es „unerträglich sei, dass diejenigen, die mitverantwortlich für Armut und Elend sind, sich als die Bekämpfer von Armut und Elend hinstellen“. Nicht ganz unbeeindruckt vom Unmut der Protestierenden, bat der Vorsitzende von „Kunst hilft Geben e.V.“ Dirk Kästel die vermeintlichen Spielverderber nach etwa einer Stunde hinein. Man wollte dann doch nicht als Ausgrenzer dastehen, schließlich könnten doch alle am Wahren, Guten und Schönen partizipieren.

Kästel ist im zivilen Leben bei der GAG Immobilien AG tätig. Mittels dieser nicht ganz unbedeutenden Wohnungsbaugesellschaft hat die Stadt Köln im vergangenen Jahr das Kunststück(!) fertig gebracht, lediglich 210 Sozialwohnungen zu bewilligen (Quelle: Verwaltungsvorlage Nr. 4598/2012). Das ist ein Armutszeugnis für eine Stadt, in der ca. 50000 Wohnungen fehlen und schon heute 5000 Menschen kein Dach mehr über dem Kopf haben. Auch das ließe sich politisch verändern, wenn man denn wollte. Bisweilen bleibt es beim nahezu völligen Niedergang des öffentlichen und kommunalen Wohnungsbaus – bei gleichzeitigem Boom im privaten Immobiliensektor. Dieser Widerspruch wurde an diesem Freitag Abend nicht mehr aufgelöst, auch die Erörterung von kapitalistischer Profitlogik und Systemfrage blieb aus. Aber viele Leute haben deutlich gemacht, dass sie nicht länger gewillt sind, sich mit Brosamen und Almosen abspeisen zu lassen. Und dass zynisch und heuchlerisch zu nennen ist, was zynisch und heuchlerisch ist.

Die Ausstellung im Neuen Kunstforum in der Alteburger Straße 1 ist noch bis zum 10. November zu sehen (Finissage).

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