Integration oder Ausgrenzung, das ist hier die Frage …

1€-Jobber für die gute Schule? . - Bild: Bronisz

In der zweiten Julihälfte 2014 bitte ich meinen PAP mehrfach per E-Mail um Kostenübernahme für einen VHS-Photoshop-Grundlagenkurs; es geht um 166,00 Euro. „Hintergrund: Mit meinen Büchern habe ich mir Referenzen für Bewerbungen geschaffen. […]

Mit Kenntnissen auch im Programm ‚Photoshop könnte ich auch noch die Umschläge selbst gestalten und wären meine Bücher Gesamtkunstwerke aus einer Hand.“ Am 12. August mailt mir mein PAP: „Ich kann nicht erkennen, wie ein Photoshop-Kurs Ihre Einnahmen so erheblich steigern würde, dass Sie auf SGB II Leistungen verzichten können.“ Dem ist leider schwer zu widersprechen. Doch am 28. August erscheint, übrigens in der „Jobbörse“ der BA-Homepage, eine Stellenanzeige „Redakteur Bordmedien (m/w)“, in der es heißt: „Sie haben [] Erfahrung im Umgang mit Adobe Photoshop“ … „Heureka, heureka – ich hab’s gefunden, ich hab’s gefunden“ (Archimedes, griech. Mathematiker, Physiker und Konstrukteur, um 285 – 212 v. Chr.). Am 1. September bitte ich also den „Teamleiter Integration“ – mein PAP hat sich für zwei Monate in den Urlaub verabschiedet– um Kostenübernahme für den Kurs, begründe das diesmal damit, dass ich mich „durch Kenntnisse im Programm Photoshop [] überzeugender auf Stellen im journalistischen Bereich bewerben“ könne, zitiere aus dem o. g. Stellenangebot und füge ehrlicherweise meine „Ursprungsnachricht“ als solche an.

Nix Photoshop

Bereits am 2. September 2014 mailt der „Teamleiter Integration“ zurück, angesichts der im „Jobcenter“ angerechneten Einnahmen aus selbständigen Einkommen komme eine Förderung des Kurses auch für ihn nicht in Betracht. Er listet meine Bucheinnahmen auf, stellt fest, ich hätte seit Ende 2009 keine sozialversicherungspflichtigen Einnahmen mehr erzielt, und resümiert: „Ihr Einkommen als Buchautor kann man leider nur als unbeachtlich bezeichnen

Jobcenter drangsalieren gerne. – Bild: Bronisz

(Sorry).“ Das Finanzamt bezeichne eine solche Art der Einkommenserzielung als „Liebhaberei“. Aus den genannten Gründen sei die beantragte Förderung „nicht sachdienlich“ (Anm.: zu „sachdienlichen“ Förderungen siehe meine bei L.E.O. veröffentlichten Protokolle der „JobBörsen-Programme“). Dann holt der „Teamleiter Integration“ zum Rundumschlag aus: „Sollten Sie sich gegen einen dauerhaften SGB II Bezug und für die möglichst umgehende Aufnahme einer zumutbaren, sozialversicherungspflichtigen Arbeit entscheiden, so bin ich jederzeit bereit im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten, Sie durch Einstiegsgeld, Eingliederungszuschuss oder ähnliches [sic] zu fördern. Allein in Köln bieten Personaldienstleistungsunternehmen nahezu 5000 [?] offene Stellen in den verschiedensten Bereichen an. Eine davon könnten Sie innerhalb der nächsten Tage annehmen, vorausgesetzt Sie finden die Bereitschaft für relativ wenig Anfangslohn hart zu arbeiten, Ihre Komfortzone zu verlassen und Ihren Lebensunterhalt nach Jahren mal wieder selbst zu bestreiten.“ Warum ignoriert der Teamleiter meine Begründung? Warum bezieht er sich auf meine ursprüngliche Begründung und nimmt er in diesem Zusammenhang den wirtschaftlichen Erfolg meiner Bücher in den Fokus? Ich habe jene ausdrücklich als „Referenzen für Bewerbungen“ ausgewiesen. Geht es ihm nur darum, ein berechtigtes Anliegen abzuschmettern? Denn es steht außer Frage, dass ich mit fundierten Photoshop-Kenntnissen meinen Bewerbungsradius vergrößern würde und das „Jobcenter“ mich daher mit einer Kostenübernahme für einen Photoshop-Kurs fördern würde, und dabei geht es nur um einen Bruchteil des Geldes, den ein Platz in einer der szenetypischen Gaga-„Maßnahmen“ (Sorry, Miss Germanotta) kostet. Dass ein „Jobcenter“-Teamleiter einen 52-jährigen Kunsthistoriker, der von 760 Euro monatlich seinen Lebensunterhalt bestreiten, sich als Alg-II-Bezieher auf vielfältige Weise demütigen lassen muss – z. B. ist noch die überflüssigste „Erinnerung“ des „Jobcenters“ als ultimative Aufforderung mit Sanktionsandrohung formuliert! – und große, im „Jobcenter“ dokumentierte Anstrengungen unternommen hat, diesen kaum erträglichen Zustand zu beenden, auffordert, „[seine] Komfortzone zu verlassen“, ist mir unbegreiflich; diese zynische Sichtweise mag einem Parteivorsitzenden, der kurz vor dem Untergang seine neoliberale Klientel mit markigen Sprüchen mobilisiert („spätrömische Dekadenz“), durchgehen, eines „Teamleiters Integration“ mit Einblick in den Hartz-IV-Horror sollte sie unwürdig sein. Dass der Arbeitslose an seiner Misere selber schuld sein soll, ist klar, denn an korrupten Politikern oder überforderten Sachbearbeitern kann es ja nicht liegen, doch den Schuh, faul zu sein, ziehe ich mir nicht an. „Mit einer kompetenten und nachhaltigen Jobvermittlung, die meine individuellen Voraussetzungen berücksichtigt, werde ich hoffentlich bald zu anständigem Lohn hart arbeiten können“ das schreibe ich zumindest dem Teamleiter am 8. September, so dass der Ball wieder in seinem Spielfeld liegt, um hinzuzufügen: „Für zielführende Hinweise, wie ich mich mit meinen Qualifikationen in den Arbeitsmarkt einbringen kann, bin ich Ihnen daher jederzeit sehr dankbar. Gerne komme ich auch für ein persönliches Gespräch mit Ihnen ins Jobcenter. / Bis dahin verbleibe ich / mit freundlichen Grüßen / Enno E. Dreßler, M. A. / Kunsthistoriker + Buchautor“. Nach einer Woche warte ich immer noch gespannt auf eine Einladung

Buchempfehlung: Enno E. Dreßler, Die Unfreiheit des Arbeitslosen, Vier Jahre im Kölner Hartzodrom, Norderstedt Mai 2014; 352 Seiten (davon 16 farbig), Paperback, 24,90 Euro; ISBN: 978-3-7322-8196-1

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