5 Tage soziale Kampfbaustelle in Köln


Montag

Wohnraum für Alle!

Tatsächlich tauchten am nächsten Tag, dem Montag, rund dreißig bulgarische Tagelöhner auf der Sozialen Kampfbaustelle auf. Mit fünfzig bis sechzig Leuten sind wir dann zum historischen Rathaus, dem Sitz des Oberbürgermeisters, gezogen, am Sicherheitsdienst vorbei gestürmt und haben Krach geschlagen. „Wir wollen Wohnraum und zwar sofort“ und siehe da, innerhalb von einer halben Stunde stand die Sozialdezernentin Frau Reker vor uns, um sich anzuhören, was die Einwanderer zu sagen hätten. Nach einigem hin und her einigten sich die Tagelöhner mit der Sozialdezernentin darauf, sich zwei Tage später zusammen zu setzen. Die Tagelöhner benannten einige von ihnen als Vertreter der Gruppe. Außerdem sollte jemand von uns dabei sein. Das wurde natürlich gefeiert. Die bulgarischen Tagelöhner waren genauso erleichtert und glücklich wie wir. Es war wahrscheinlich das erste Mail, dass ihnen überhaupt mal jemand aus einer Behörde zugehört hatte. Der Rückweg zur ‚Baustelle‘ verlief als lautstarke Spontandemo durch die Stadt und auf dem Platz vor dem Kölner Dom kam es zu spontanen Redebeiträgen in bulgarischer und deutscher Sprache.

Selbstorganisierung

Am Montagabend stand der Diskussionsschwerpunkt ‚Selbstorganisierung‘ auf dem Programm, der eingeleitet wurde durch die KEAs, die seit vielen Jahren bereits selbstorganisiert und solidarisch kämpfen.
Zeit für unsere FreundInnen und MitstreiterInnen aus Berlin, Frankfurt, Herford, Mainz und Offenbach …, auch ihre Erfahrungen zur Diskussion zu stellen. Kritisch, aber mit Spannung beobachteten wir die Praxis eines „revolutionären Community Organizing“ unter Hartz-IV-Betroffenen bei unseren Berliner FreundInnen der Gruppe ‚Basta!‘. Immerhin führte diese Form des Organizings 2011 in Oakland/USA zu einer Blockade des Hafens und einem Generalstreik mit nicht weniger als 50.000 TeilnehmerInnen. (Das so genannte revolutionäre Community Organzing meint die Selbstorganisierung und Selbstvertretung einer Betroffenengruppe, um die soziale Auseinandersetzung zu suchen und zuzuspitzen. Das oft von Gewerkschaften praktizierte klassische Organizing hingegen ist oft ein von Außen agitierter Prozess der Schlichtung oder Versöhnung mit dem vorhandenen System.)

Viele der teilnehmenden Gruppen oder Einzelpersonen fühlten sich bekennend einer Erwerbslosenbewegung zugehörig, aber was es mit der „Erwerbslosenbewegung“ im Speziellen und mit der „Bewegung“ im Allgemeinen auf sich hat, auch darum sollte es in dieser Diskussion gehen.
Die rot-schwarzen Fahnen der KEAs, die die ‚Baustelle‘ dauerhaft dominierten, mögen ein Indiz dafür sein, dass es hier schon lange eine anarchistische und kapitalismuskritische Orientierung gibt. Hartz IV, Wohnungspolitik, Wirtschaftspolitik und der Umgang mit MigrantInnen oder Geflüchteten sind nicht separate Fehler eines Systems, sondern Ausdruck für das System schlechthin. Dementsprechend wurde innerhalb der Diskussion deutlich, wie gefährlich, wie lähmend, wie frustrierend es sein kann, sich lediglich an einem Punkt dieser Politik abzuarbeiten. Von „Sackgasse“ war die Rede.

Der Wunsch oder die „Einsicht in die Notwendigkeit“ – da scheinen sich alle einig – eines Individuums, sich zu organisieren, sich zu engagieren, sich zu politisieren, mag zunächst abhängig sein, von einer direkten Betroffenheit (Hartz-IV-betroffen o.ä.). Organisierung verspricht Stärke und damit einhergehend auch die Kraft der SELBSTvertretung eigener Interessen. Wenn man aber alle Aspekte dieses Systems oder dieser Gesellschaftsordnung, das oder die sich gegen die Würde oder Lebensgrundlage von Menschen richtet, zusammen betrachtet, macht es Sinn, auch die Begriffe „Betroffenheit“ und „Bewegung“ (i.S. einer sozialen Bewegung) einfach weiter zu fassen.

Das widerspricht nicht zwingend dem Engagement z.B. einzelner Erwerbslosengruppen und Initiativen, wenn sie strategisch darauf abzielen, Adressat für eine bestimmte Betroffenen-Gruppe zu sein, aber es bedarf ihrer praktischen Solidarität zu den sozialen Auseinandersetzungen anderer Menschen.

Die Soziale Kampfbaustelle hat sehr gut gezeigt, welche vermeintlich unterschiedlichen Auseinandersetzungen nicht nur die der Anderen, sondern UNSERE sind. Wenn wir sie dazu machen! Die hoch spannende Diskussion hat uns hierfür genügend Impulse mitgegeben.

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