Köln: „Alle für Kalle“

Unter diesem Motto machen aktuell in Köln Nachbarinnen, Nachbarn, Unterstützerinnen und Unterstützer von Kalle Gerigk gegen dessen Zwangsräumung mobil. Seit 30 Jahren bewohnt Kalle eine Dachgeschosswohnung im Agnesviertel. Nun soll er raus. Sein neuer Vermieter, ein Immobilienmakler, hat auf „Eigenbedarf“ geklagt und gewonnen – der Gerichtsvollzieher hat sich für den 20. Februar um 8 Uhr angekündigt.

In Köln eine preiswerte Wohnung zu finden, ist fast so aussichtslos wie ein Lottogewinn. Die Mieten explodieren und haben die 10 Euro-Marke inzwischen weit hinter sich gelassen. Häuser werden entmietet, um sie nach der Sanierung zu horrenden Preisen neu zu vermieten. Es gibt Leute, die kaufen Wohnungen und werfen die alten Mieter-innen bei Bedarf eiskalt raus, denn “Eigentum hat Vorfahrt”. Immer mehr Menschen müssen an den Stadtrand ziehen. Gleichzeitig steigt die Zahl der Wohnungslosen, die auf der Straße oder unter menschenunwürdigen Bedingungen in Heimen, sogenannten Hotels oder Abbruchhäusern leben. Besonders Migrantinnen und Migranten haben auf dem Wohnungsmarkt ohnehin kaum Chancen und sind der Willkür von Miethaien ausgesetzt.

Politikerinnen und Politiker schüren bei jeder sich bietenden Gelegenheit Angst vor den Armen. Sie meinen damit nicht nur, aber vor allem Menschen aus Südosteuropa. Dabei ist die steigende Armut in Europa gewollt: Sie ist eine unmittelbare Folge der europäischen Krisenpolitik, einer systematischen Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von Unten nach Oben. Ein Meilenstein hierzulande war die Privatisierung öffentlicher Wohnungsbaugesellschaften. Ihre Bestände wurden verkauft und der soziale Wohnungsbau auf Null zurückgefahren. Gleichzeitig entstanden immer mehr Luxuswohnungen und Bürogebäude, von denen viele leer stehen.

In vielen Städten Europas kämpfen die Menschen bereits für ihr „Recht auf Stadt“. In Rom hält seit April 2012 eine Gruppe Wohnungssuchender zwanzig Häuser besetzt und verschaffte damit vielen Menschen ein Dach über dem Kopf. In Barcelona besetzte ein bunt gemischter Zusammenschluss von Zwangsgeräumten Anfang April 2013 unter dem Motto “Recht auf Wohnraum” vierzig Wohnungen, die der Bank gehörten und seit ihrer Fertigstellung leer standen. In Berlin verschaffte sich die Mietergemeinschaft Kotti & Co mit einer Platzbesetzung bundesweit Gehör. Überall auf der Welt setzen sich Menschen gegen ihre Verdrängung zur Wehr.

So jetzt auch in Köln. In Köln-Stammheim wurde kürzlich eine Siedlungs-Baracke besetzt, deren Abriss mit Unterstützung der Nachbarschaft verhindert werden konnte. In der Kölner Südstadt organisieren sich Mieterinnen, Mieter und linke Aktivistinnen und Aktivisten in der Pfälzer Straße um den Abriss zweier Mietshäuser mit danach geplantem Eigentumsneubau zu verhindern. Das derzeit prominenteste Beispiel für Widerstand gegen rigorose Verdrängungspolitik in der Rheinmetropole ist jedoch die geplante Blockade der Zwangsräumung von Kalle Gerigk:

Der neue Eigentümer von Kalles Wohnung, ein Immobilienmakler der Kölner Firma Objekt-Design GmbH, hat ihm wegen „Eigenbedarf“ gekündigt. Wenig glaubwürdig, da dieser die Wohnung bereits öffentlich zum Kauf angeboten hatte – obwohl er doch „Eigenbedarf“ geltend macht. Das Gericht entschied trotzdem völlig überraschend zugunsten des Eigentümers, auch in zweiter Instanz.

Und es gibt noch mehr Ungereimtheiten, die auch den WDR (in einem Bericht der „Servicezeit“) am tatsächlichen Eigenbedarf des neuen Vermieters zweifeln lassen. Das Dachgeschoss im Nachbarhaus wechselte zum gleichen Zeitpunkt und ebenfalls für rund 100.000 Euro den Eigentümer. Auch hier wurden die Mieter über die Ankündigung, dort selbst einzuziehen, zum Auszug bewegt – zufällig vom Prokuristen der selben Immobilienfirma. Dieser hat sein Dachgeschoss nun bereits großzügig ausgebaut und für 350.000 Euro verkauft! Der Eigenbedarf hatte sich plötzlich erledigt, da seine Freundin den Kinderwagen im Altbau ohne Fahrstuhl nicht in das oberste Stockwerk tragen könne.

Die Firma Objekt-Design ist indes zu keiner Stellungnahme bereit. Sie zeigte sich jedoch „schlagfertig“ als Aktivistinnen und Aktivisten Kalles „Entmieter“ in seinem Büro im November letzten Jahres zur Rede stellen wollten. Mitarbeiter beförderten die ungebetenen Gäste handgreiflich nach draußen. Eine Diskussion scheint hier nicht möglich.

Seither ist einiges in Bewegung geraten im Kölner Agnesviertel. Anwohner-innen der Fontanestraße zeigen „Flagge“ und haben Transparente an ihren Balkonen befestigt: „Unser Nachbar Kalle bleibt“, „Alle für Kalle“ oder „Räumung verhindern!“ steht dort geschrieben. Die Initiative „Recht auf Stadt“ hatte im Dezember zu einem Infocafé mit „Sitzblockade-Training“ in die Alte Feuerwache eingeladen. Hier diskutierten und trainierten mehr als 60 Leute Möglichkeiten, die drohende Zwangsräumung zu verhindern. Im Stadtteil gab es bereits mehrere Kundgebungen und letztes Wochenende trafen sich 80 Aktivistinnen und Aktivisten zu einem Aktionswochenende unter dem Motto „Wohnraum für Alle“. Sie besuchten auch Kalles Vermieter zu Hause und informierten seine Nachbarinnen und Nachbarn über dessen Geschäftspraxis.

Die Botschaft der Anwohnerinnen und Anwohner sowie Unterstützerinnen und Unterstützer lautet: Wenn die Firma Objekt-Design nicht einlenkt, werden sie sich dem Gerichstvollzieher am 20. Februar öffentlichkeitswirksam „in den Weg stellen“. Von der Presse begleitet wollen sie mit einer Sitzblockade die Zwangsräumung verhindern und dafür sorgen, dass derartige Machenschaften öffentlich werden.

In einem Nachbarschafts-info der Initiative Recht auf Stadt heißt es: „Egal ob Sie mitblockieren oder heiße Getränke vorbeibringen oder für Öffentlichkeit im Viertel sorgen oder Kalle sonstwie unterstützen – Ihr Beitrag ist erwünscht und dringend notwendig. Denn die Wohnungsnot in Köln und die Dreistigkeit von „Entmietern“ wie der Objekt Design GmbH drängen zum Handeln. Alle für Kalle und gegen jede Zwangsräumung!“

Weitere Hintergrund-Informationen und Bildmaterial:

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