„Kunde“ der „JobBörse“

Ob man dort wirklich ein "Kunde" ist?. - Bild: Bronisz

Am Mittwoch, 20.10.10, erscheine ich entsprechend der bei Abgabe meines Antrages auf Arbeitslosengeld II („Hartz IV“) am 04.10.10 ausgesprochenen „Zuweisung in eine Maßnahme zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung […]“ gegen 9:00 Uhr zum „Erstgespräch“ in der „JobBörse Bickendorf / Ossendorf“, die laut Briefkopf zum „Konsortium der ProVeedel JobBörsen in Köln“ gehört.

Das Gebäude liegt im Gewerbegebiet, zwischen „Erotic Discounter“ und „Christlicher Urgemeinde – Kosmologischer Weltanschauung“. Gestern abend habe ich mich
im „Gerling Quartier“, einer Ausweichspielstätte der Kölner Oper, noch von der grandiosen Aufführung von Claudio Monteverdis Alterswerk „L’Incoronazione di Poppea“ (1642) – mit Franco Fagioli als „Nerone“ und Maria Bengtsson als „Poppea“ – verzaubern und entrücken lassen; zwei junge Damen aus dem Publikum waren so über die Maßen attraktiv und luftig
gewandet, dass ich sie im Foyer um ein Haar gefragt hätte, ob sie Teil der Aufführung seien … Spätestens jetzt bin ich wieder in prosaischer Stimmung. Zwölf Apostel … nein, Arbeitslose,
finden sich in dem kleinen, schlecht belüfteten Raum ein, um an der bis 17:00 Uhr angesetzten „Einführungsveranstaltung“ teilzunehmen. „Compelle intrare, ut impleatur domus mea – Nötige sie einzutreten, so dass mein Haus voll werde“ (Evangelium nach Lukas, 14, 23 Vulgata). Doch nachdem ich kritische Fragen gestellt und kritische Bemerkungen geäußert habe, ist für mich
bereits um 10:00 Uhr der Termin beendet, denn der von der vortragenden „Sozialarbeiterin“ Dorothea K. herbei gerufene Leiter, Herr Franz J., wirft mich unter Hinweis auf sein Hausrecht hinaus. (Ausführliches „Protokoll zum Ersttermin am 20. 10. 2010 in der JobBörse“ s. u.).

Niedergeschlagen über die Verhältnisse, in die ich wieder hinein geraten bin, fahre ich zunächst nach hause. Dort überlege ich in Ruhe, was zu tun sei. Am Nachmittag schicke ich von dem
Internetcafé meines Vertrauens meinem „Fallmanager“, bei dem ich übrigens noch keinen Termin hatte, eine E-Mail. Das Anschreiben hat folgenden Wortlaut: „Sehr geehrter Herr [Name], / als Dateianhang erhalten Sie – mit der Bitte um 1 Kenntnisnahme – mein Protokoll über den heutigen Ersttermin bei der Jobbörse Bickendorf / Ossendorf. / Ich war vom 01.11.09 bis zum 30.04.10 in der Maßnahme ‚GanzIL‘ der [Firmenname] und bitte Sie zu prüfen, ob meine Teilnahme an dem o. g. Angebot sinnvoll ist. / Ich stehe Ihnen für ein persönliches Gespräch jederzeit zur Verfügung. / Mit freundlichen Grüßen / gez. Enno E. Dreßler“

Hingehängt!

Am Mittwoch, den 27. Oktober 2010, liegen noch immer keine Nachrichten von meinem „Fallmanager“ und der „JobBörse“ vor. Gegen 17:00 Uhr stehe ich am „Photoautomat“ im DuMont- Carré und warte auf meine Abzüge (für meinen neuen Alten Personalausweis), als Herr J. (Leiter der „JobBörse“) mit seiner (?) Frau, einem jungen Mann sowie einer jungen Frau zum benachbarten Parkscheinautomaten geht. Ich sehe ihm geradlinig in die Augen, er weicht meinem Blick sowie Zärtlichkeiten der (reiferen) Frau aus … E-Mail an „Fallmanager“ Uwe L. Es liege noch keine Einladung oder Entschuldigung („für die Vorwürfe von Frau K., ich sei ein ‚Hetzer‘ und ‚provozierte‘ andauernd, sowie für den demütigenden Rauswurf“) vor. Ich bitte um einen Gesprächstermin. „Denn es wäre doch schön, wenn ich meinen Fallmanager und v. a. mein Fallmanager mich kennen würde. Wie wollen Sie denn meinen Fall ‚managen‘, wenn Sie mich nicht kennen?“

„Sanktion“ wegen Wahrnehmung eines Grundrechtes?

Am Samstag, den 30. Oktober 2010, geht zusammen mit einer Einladung vom 28. Oktober (Herr Uwe L. hat prompt reagiert) für den 15. November, 8:00 Uhr, ein Schreiben vom 26. Oktober ein. (Briefe der Arbeitsverwaltung erreichen mich erfahrungsgemäß an Samstagen. Ob die „Kunden“ bis zum nächsten Werktag auskühlen sollen?) Darin geht es um eine „Anhörung zum möglichen Eintritt einer Sanktion“. Herr L. weist explizit auf meine Mitwirkungspflichten hin und stellt fest: „Nach bisherigem Stand ist davon auszugehen, dass Sie trotz Belehrung über die Rechtsfolgen der Vereinbarung nicht nachgekommen sind, da Sie aufgrund Ihres Verhaltens Ihren 2 Mitwirkungspflichten nicht nachkamen und damit die Aufnahme ins JobBörsen-Programm und die Vermittlung durch die Jobbörse [sic] verhindert haben. / Sie haben die Möglichkeit, sich zu äußern (§ 24 Zehntes Buch Sozialgesetzbuch – SGB X). Bitte verwenden Sie hierfür den beigefügten Antwortvordruck. / Wenn Sie für Ihr Verhalten keinen wichtigen Grund haben, hat dies die Absenkung oder den Wegfall Ihrer Leistung zur Folge (Sanktion). / Die Sanktion dauert grundsätzlich drei Monate und führt in Ihrem Fall voraussichtlich zu einer Minderung des Leistungsanspruchs in Höhe von 30 % der Regelleistung (107,70 Euro monatlich). / Auch der Ihnen zustehende Zuschlag (Zuschlag nach Bezug von Arbeitslosengeld) entfällt für den Zeitraum der Sanktion. [Zusammen geht es demnach um 473,10 Euro. Das ist für einen Hartzling viel Geld.] / Wird Ihr Leistungsanspruch um mehr als 30 % gemindert, können Ihnen in angemessenem Umfang ergänzende Sachleistungen oder geldwerte Leistungen – insbesondere in Form von Lebensmittelgutscheinen – gewährt werden. / Bitte beantworten Sie die aufgeführten Fragen ausführlich und reichen Sie ggf. Nachweise ein. Sie können auch Gründe nennen, die nicht in direktem Zusammenhang mit dem erhobenen Vorwurf stehen. Verwenden Sie für ausführliche Erläuterungen bitte ein gesondertes Blatt. / Reichen Sie den ausgefüllten Antwortvordruck bitte bis 05. November 2010 [d. i. sechs Tage
nach Erhalt des Schreibens, eine denkbar kurze Frist] bei der im Briefkopf genannten Stelle ein. Anderenfalls muss nach Aktenlage entschieden werden. Dies betrifft auch die Entscheidung über ergänzende Sachleistungen.“

Im Antwortvordruck kreuze ich an: „Zu dem genannten Sachverhalt möchte ich mich wie folgt äußern“ und führe aus: „Ich hätte mir gewünscht, dass der Vorwurf konkret formuliert worden wäre. D. h.: Was gab es genau an meinem Verhalten auszusetzen? Erklärung anbei [s. u.].“ Erklärung zu Ihrem Anhörungsschreiben vom 26.10.2010 Es trifft nicht zu, dass ich, wie Sie schreiben, meiner Eingliederungsvereinbarung vom 04.10.10 „nicht nachgekommen“ sei, „da (ich) aufgrund (meines) Verhaltens 3 (meinen) Mitwirkungspflichten nicht“ nachgekommen sei „und damit die Aufnahme ins Jobbörsen-Programm und die Vermittlung durch die Jobbörse verhindert“ hätte. / Wahr ist vielmehr, dass ich pünktlich zum festgesetzten Termin in der
Jobbörse erschien, den Ausführungen der Referentin, Frau [Name], aufmerksam zuhörte, darüber hinaus eine Reihe interessierter Fragen zur Arbeit der Jobbörse stellte, mich aktiv an
der Diskussion beteiligte und kooperativ war. / Allerdings wurde ich nach knapp einer Stunde mit der Begründung, ich sei „ein Hetzer“, ich würde „andauernd provozieren“, des Hauses
verwiesen, weil ich kritische Fragen gestellt und kritische Bemerkungen geäußert hatte. / Dies sollte jedoch in einer Demokratie möglich sein und eine im öffentlichen Auftrag arbeitende Einrichtung sollte damit umgehen können. / Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass ich meinen Mitwirkungspflichten:

– Einhaltung der mit dem Träger vereinbarten Termine,

– aktive Mitarbeit bei Bemühungen, mein Potenzial in Bezug auf die Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt zu nutzen,

– aktive Mitwirkung bei allen auf die berufl. Eingliederung abzielenden Leistungen,

– aktive Mitwirkung bis zum Ende der Zuweisungsdauer bisher nachgekommen bin und weiterhin nachkommen werde und an der Aufnahme einer zumutbaren Beschäftigung sehr interessiert bin.

Ein Protokoll zum Ersttermin am 20.10.10 in der Jobbörse liegt dieser Erklärung bei [s. r.]. Für Fragen stehe ich Ihnen unter Tel. [Telefonnummer] jederzeit gerne zur Verfügung. Köln am 1. November 2010 [Unterschrift]

Protokoll zum Ersttermin am 20.10.10 in der JobBörse

Am Mittwoch, 20.10.10, erschien ich entsprechend der Eingliederungsvereinbarung vom 04.10.10 und einer Einladung der „JobBörse Bickendorf Ossendorf“ pünktlich um 09:00 Uhr
(genau: 08:55 Uhr) zum „Erstgespräch“. Zu Beginn der Veranstaltung stellte Frau [Name] sich als „Sozialpädagogin“ vor und nannte die Pausenzeiten sowie die Anzahl sog. „Aktivierungstage“ („AT“) entsprechend der Maßnahmedauer (3/6/9 Monate). Nach ihren Erläuterungen zu den „AT“ – diese seien ganztägig, stellten aber keine Stellenvermittlung dar – 4 äußerte sich ein Teilnehmer enttäuscht. Sein „Fallmanager“ habe ihm die Teilnahme an der Maßnahme damit schmackhaft gemacht, dass er erklärt habe, die Jobbörse könne ihm Stellenangebote machen, an die er sonst nicht heran komme. Der Teilnehmer war beinahe fassungslos. „Bewerbungen schreiben kann ich auch zu hause!“

Eine junge Frau äußerte ihr Befremden darüber, dass sie von ihrem „Fallmanager“ für ganztägige Veranstaltungen vorgesehen worden sei. Sie habe ihm doch klar gesagt, dass sie ihre schwer kranke Mutter allein pflegen müsse. Frau [Name] fragte, wie sie dann dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen könne. Die Teilnehmerin erklärte, sie suche Teilzeitarbeit. Die von ihr gewünschte Befreiung von den „AT“ konnte laut Frau [Name] nur der „Fallmanager“ aussprechen. Er müsse sie der Jobbörse schriftlich mitteilen. „E-Mail genügt.“

[Die Bezeichnung ‚Aktivierungstage‘ intendiert, dass Arbeitslose aktiviert werden müssen, unterstellt ihnen also Faulheit, und das ist, mit Verlaub, eine Frechheit.] Dann meldete ich mich zu Wort und erklärte, ich sei mit der Erwartung gekommen, hier eine „kompetente Stellenvermittlung“ anzufinden, nachdem bei der „Agentur für Arbeit“ für mich ein Jahr lang keine Stellenvermittlung statt gefunden habe. (Anmerkungen: Die Vermittlungstätigkeit erschöpfte sich darin, dass mir einmal ein frei zugängliches Stellenangebot ausgedruckt wurde; am 09.08.10 mailte mir ein „Arbeitsvermittler“ von „Team 121“: „leider hat unser Team keinen direkten Kontakt zu potenziellen Arbeitgebern für Sie …“) Eine „Aktivierung“ sei bei mir möglicherweise nicht die richtige Lösung, da ich bereits aktiv sei. „Ich brauche niemanden, der mir auf die Schulter klopft und sagt: ‚Junge, du schaffst das schon!‘, sondern jemanden, der Kontakte zu für mich passenden Arbeitgebern hat.“

Nach den Ausführungen von Frau [Name] und vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen mit der Maßnahme „GanzIL“ („Ganzheitliche Integrationsleistungen“) der „[Sexta] GmbH“ – hierüber habe ich einen ausführlichen Bericht gefertigt, den ich, falls erforderlich, gerne vorlege –, wollte ich genauer wissen, mit wem ich es bei der „JobBörse“ zu tun hätte und fragte daher
5 zunächst, wer deren Träger sei. (Anmerkung: Ich hatte mir den Briefkopf nicht näher angesehen, dort steht es.) Frau [Name] beantwortete meine Frage mit „Caritas“. Meine weitergehende Frage, wie die Jobbörse von der Arge bezahlt werde: „nach Dauer der Betreuung oder nach Vermittlung in eine Stelle“, beantwortete Frau [Name] nicht. „Das sage ich hier nicht.“ Sie warb statt dessen für „Vertrauen“. (Anmerkung: Wenn ich nach den hinter mir liegenden Jahren eines nicht mehr habe, so ist das blindes „Vertrauen“.) Die Jobbörse versuche, den einzelnen „Kunden“ gerecht zu werden. Ich meldete mich wieder zu Wort und erklärte, zum Vertrauen gehöre auch, dass der „Kunde“ wisse, wie die Jobbörse sich finanziere. Dann wiederholte ich meine Frage und Frau [Name] ihre Antwort.

Weiter fragte ich: „Zu welchen Arbeitgebern unterhält die Jobbörse Kontakte?“ Frau [Name]: „zu etlichen!“ „Zu welchen konkret?“ „Die kann ich hier gar nicht alle aufzählen.“ „Mir genügt einer, nennen Sie mir bitte nur einen einzigen Firmennamen.“ Frau [Name] empfahl mir, mich auf der Homepage der Caritas über deren Arbeit zu informieren, worauf ich sagte, es gehe hier speziell um die Jobbörse. Die Caritas sei mir aus investigativen journalistischen Berichten durchaus ein Begriff. Es gebe in Deutschland eine regelrechte „Hartz-IV-Industrie“, die aus dem Leid von Millionen Arbeitslosen klingende Münze schlage und die Caritas mische munter mit.

Frau [Name] war „not amused“ und gab das Wort an zwei Teilnehmerinnen. Diese berichteten, sie seien schon früher hier gewesen und von der Jobbörse tatsächlich in Arbeit vermittelt worden. Allerdings, so räumten sie ein, sei ihnen wieder gekündigt worden. Der einen nach sechs, der anderen nach zehn Monaten. Dazu stellte ich fest, dass es das „Vertrauen“ stärken könne, wenn die „Kunden“ wüssten, ob sie nachhaltig in Arbeit vermittelt oder nur irgendwie untergebracht würden. Konkret fragte ich: „Bekommen Sie eine Prämie pro Vermittlung?“ Frau [Name] reagierte ausgesprochen ungehalten. „Das 6 geht Sie gar nichts an!“ Das musste ich wohl hinnehmen. Jedenfalls wollte ich nicht weiter bohren. Mir fiel aber noch eine Frage ein. Ich meldete mich, erhielt das Wort und fragte: „Vermittelt die Jobbörse auch an Firmen, die ebenfalls zur Caritas gehören?“ „Ja, die Jobbörse vermittelt auch an Zeitarbeits- bzw. Leihfirmen.“ Hinsichtlich dieser Branche erlaubte ich mir die Bemerkung, dass „Superminister“ Wolfgang Clement ihr mit Hartz IV einen Riesenreibach ermöglicht habe und heute dort sein Geld verdiene. Darauf warf mir Frau [Name] vor, ich hätte der Branche Korruption unterstellt, was ich sofort verneinte.

Eine Teilnehmerin reagierte auf meine Fragen und meine Anmerkungen ungehalten und duzte mich dabei. Ich bat sie, mich mit „Sie“ anzusprechen. Das lehnte die junge Dame jedoch ab. Ich wies sie darauf hin, dass das unerlaubte Duzen eine einfache Beleidigung darstelle. Ein Teilnehmer fühlte sich offenbar an eines seiner früheren Bildungserlebnisse erinnert. „Das ist ja wie bei TV Kaiser!“ Frau [Name] sah sich indessen nicht bemüßigt, bei der Teilnehmerin höfliche Umgangsformen anzumahnen. Statt dessen unterbrach sie nach etwa einer Dreiviertelstunde ihre Veranstaltung und bat mich zu einem „Vieraugengespräch“. Ich schlug dagegen vor, dass wir uns in Gegenwart der anderen Teilnehmer unterhielten. Darauf forderte
mich Frau [Name] auf, das Haus zu verlassen und fügte hinzu: „Für Sie ist der Tag beendet.“ [Ich erkannte an dieser Stelle, dass Frau K. nur einen Vorwand suchte, um mich loszuwerden.] Darauf erklärte ich, dass ich natürlich auch zu einem Vieraugengespräch bereit sei. Doch Frau [Name] wies mich mit der kecken Bemerkung „zu spät!“ ab und forderte mich erneut auf zu gehen. Ich betonte, dass ich zum Vieraugengespräch bereit sei, doch Frau [Name] wiederholte nur ihre Aufforderung. Darauf bat ich sie, mir den Ausschluss „schriftlich und mit Begründung“ zu geben. Frau [Name] verließ den Raum und kehrte mit dem Leiter der Jobbörse, Herrn [Name] (?), zurück. 7 Der blickte suchend in die Teilnehmerrunde, worauf ich ihn fragte, ob er vielleicht nach mir suche. Darauf forderte mich Herr [Name] auf, das Haus zu verlassen. Ich bat ihn darum bleiben zu dürfen und schlug vor, „für den Rest des Tages“ zu schweigen, wenn Frau [Name] mit meinen Fragen und Bemerkungen nicht umgehen könne. Denn mir sei daran gelegen, von der Veranstaltung nicht ausgeschlossen zu werden. Ich hatte den Eindruck, dass Herr [Name] auf mein Angebot eingehen wollte, doch Frau [Name] bestand darauf, dass ich gehen sollte. Dazu hatte ich aber noch Klärungsbedarf: „mit welcher Begründung?“

Frau [Name] behauptete, ich sei „ein Hetzer“, ich würde „andauernd provozieren“. Notabene: Sie trug diese ungeheuerliche Anschuldigung coram publico vor. Darauf stellte ich klar: „Ich bin kein Hetzer, sondern ein Akademiker“, und fragte: „Worin besteht denn meine Provokation?“ Frau [Name]: „Sie fragen beispielsweise, wodurch die Jobbörse ihr Geld verdient!“ „Ich stelle fest, dass dies keine Provokation, sondern eine berechtigte Frage ist …“ Dann begann ich den Hintergrund meiner Frage zu erläutern. Frau [Name] wandte sich bei meinen Worten Herrn [Name] zu. „Sehen Sie, er fängt schon wieder damit an!“ Herr [Name] forderte mich unter Hinweis auf sein Hausrecht erneut auf, das Haus zu verlassen und fragte: „Sie wissen, wen ich (sc.: bei Nichtbefolgung) rufen könnte?“ Das wusste ich natürlich. „Sie könnten die Polizei
rufen.“ Denn die Nichtbefolgung der Anweisung hätte Hausfriedensbruch bedeutet. Meine wiederholt geäußerte Bitte, mir den Rauswurf schriftlich und mit Begründung zu geben, „damit ich nachweisen kann, nicht eigenmächtig gehandelt zu haben“, wies Herr [Name] kategorisch ab und erklärte gelassen: „Es gibt genug Zeugen.“ Dann versicherte er mir, ich würde „eine gesonderte 8 Einladung“ erhalten, auf die ich allerdings vergeblich warten sollte.

Ich packte meine mitgebrachten Unterlagen weiter zusammen, wünschte den anderen Teilnehmern „viel Glück mit dieser Einrichtung“ und verließ den Raum um ca. 10:00 Uhr grußlos. Frau [Name] folgte mir und wies mir den Ausgang. Am Nachmittag informierte ich per E-Mail meinen „Fallmanager“ über den Termin. Zehn Tage später erhielt ich einen Anhörungsbogen der Arge Köln, die wegen meines „Verhaltens“ eine dreimonatige Kürzung des Arbeitslosengeldes um je 107,70 Euro sowie die Streichung meines Übergangsgeldes (zweimal 75,00 Euro) erwägt.

Zusammen geht es also um einen Betrag von 473,10 Euro. Das ist für mich viel Geld. Ich versichere, alle Angaben nach bestem Wissen und Gewissen gemacht zu haben.

Köln am 1. November 2010

[Unterschrift]

„Zurück in die Zukunft“ (USA 1985), reloaded?

Der DDR-Bürgerrechtler Roland Jahn wird am 15. November 2011, anlässlich des 75. Geburtstages von Liedermacher Wolf Biermann, in der ARD („tagesthemen“) berichten, er habe in seiner Universität kritische Fragen zur Ausbürgerung Biermanns nach dessen berühmtem Kölner Konzert (1976) gestellt. O-Ton Jahn: „Warum darf ein Liedermacher keine kritischen Fragen zur DDR stellen?“ Die Folge sei sein Rauswurf aus der Universität gewesen. Muss es die Mitarbeiter der „Caritas“ nicht beschämen, sich heute genau so zu gebärden, wie seinerzeit die Schergen der „DDR“? Offenbar gilt bei der kirchlichen Einrichtung – wie generell in der „Hartz-IV-Industrie“ (s. Kap. „Endstation ‚Maßnahme‘?“) – die gleiche Regel wie in jenem schrecklichen Unrechtsregime: Wer Kritik übt, wird als „feindlich negatives Element“ („Stasi“-Jargon) identifiziert, hinaus geworfen und „zersetzt“ …

Nun mögen Sie, liebe Leser, einwenden, es sei nicht das Gleiche, ob man von der Universität, aus einer „JobBörse“ oder vielleicht sogar aus einer Leprakolonie hinaus geworfen werde, 9 und gegen den hinterhältigen Anschlag der Kirchlichen auf meine Existenz hätten mir im Unterschied zu Roland Jahn Rechtsmittel zur Verfügung gestanden. Gewiss, liebe Leser, mein Vergleich gilt unter einer wesentlichen Voraussetzung, nämlich … „si parva licet componere magnis wenn man Kleines mit Großem vergleichen darf“ (Vergil, Georgica – „Der Landbau“ 4, 176).

Am Mittwochabend, den 3. November 2010, fahre ich in die Innenstadt, um o. a. Erklärung mit Protokoll auszudrucken. Am Donnerstag, den 4. November 2010, fahre ich um 05:20 Uhr mit
großem Rucksack zum Waschsalon in den Höninger Weg und gehe von dort wie ein schwer beladener, römischer Legionär zur Arbeitsverwaltung in der Luxemburger Straße, um meine o. a. Erklärung persönlich abzugeben. Dort warte ich auf einer in der Nähe befindlichen Sitzbank auf das Öffnen der „Agentur“, denn es wäre für mich zu beschämend, mit den anderen, abgerissenen Gestalten auf das Öffnen der ‚Suppenküche‘ zu warten. Von 7:30 bis 8:00 Uhr lese ich im Internetcenter der „Agentur“ meine EMails und suche nach offenen Stellen. Um 8:00 Uhr öffnet die nebenan gelegene „Arge“ und ich gehe hinüber. Im Eingangsbereich wird eine sehr attraktive Frau mit den Worten abgewiesen, die „Arge“ sei für sie nicht zuständig. Ich staune immer wieder, welche Menschen ich auf den Fluren und Gängen der Arbeitsverwaltung antreffe …

Ich fahre mit dem Fahrstuhl in den zweiten Stock und gehe zu Herrn L.s Zimmer, das jedoch
verschlossen ist. Aus dem „Teamleiter“-Zimmer („724Fo“) kommt ein Mitarbeiter mittleren Alters. Ich frage ihn, ob er Herr L. sei. (Ich habe meinen „Fallmanager“ ja noch nicht zu Gesicht
bekommen.) Der Herr verneint. Herr L. sei noch nicht da. Als er in Herrn L.s Nachbarzimmer geht, frage ich ihn, ob er meinen Brief annehmen könne. Der Herr lehnt es ab und ich versuche es noch einmal. „Sie brauchen ihn nur auf Herrn L.s Schreibtisch zu legen.“ „Das mache ich nicht. Wenn der Brief verschwindet [sc.: was in diesem Hause durchaus passieren kann], bin ich schuld.“ „Ich verstehe, nur keine Verantwortung übernehmen!“

Der Herr reagiert jetzt gereizt. „Wir haben zweitausend Kunden, da können wir prinzipiell nichts annehmen …“ Ich höre 10 ihm schon gar nicht mehr zu. Die Tür zum „Teamleiter“-Zimmer steht offen und ich nutze die Chance, indem ich anklopfe, mich für die Störung entschuldige und den Leiter, Herrn Friedrich L., bitte, den Brief bei ihm abgeben zu dürfen. Der Herr lächelt, und ich habe den Eindruck, ihm hat die ‚Vorstellung‘ von vorhin gefallen. (Indessen hatte sein Mitarbeiter natürlich völlig recht.) „Ich bin zwar kein Briefbote …“ Herr L. nimmt den Brief
huldvoll an und legt ihn vor sich auf seinen Schreibtisch. Sein genervter Mitarbeiter wird übrigens mein nächster „PAP“ werden. Das ist kein „Papirier“ (Angehöriger der „gens
Papiria“), sondern steht für „Persönlicher Ansprechpartner“.

Gesprächsnotizen

Montag, 15. 11. 2010, 7:55 Uhr, Arge Köln (Süd): Mein „Fallmanager“, Herr L., spricht mit mir über den Rausschmiss aus der „JobBörse“. Ich hätte durch mein Verhalten verhindert, ins „JobBörsen-Programm“ aufgenommen zu werden. Mir ist der Vorwurf „zu allgemein“, ich lasse mir aus der Akte vortragen. Frau Dorothea K. („JobBörse“) hat gegenüber Herrn Gerd Sch., einem Kollegen von Herrn L., fernmündlich angegeben, ich hätte mich „daneben benommen“, es wird auch ein angebliches Zitat von mir genannt: Die Mitarbeiter der Arge wiesen Arbeitslose
einzig und allein zu dem Zweck Maßnahmen zu, um sie zu maßnahmewidrigem Verhalten zu verleiten und eine Sperrfrist verhängen zu können. Ich verneine, dies gesagt zu haben. Weiter
hat Herr Sch. festgehalten, es sei von mir keine Unterschrift zur Aufnahme ins „JobBörsen-Programm“ geleistet worden. Dazu erkläre ich, dass dies nach dem Rauswurf nicht möglich gewesen sei.

Dann geht es um meine Bewerbungsaktivitäten. (…) Herr L. hält die Teilnahme am „JobBörsen-Programm“ für sinnvoll. Daher und weil ich den Entscheider über meine Existenz nicht verstimmen will, stimme ich der Zuweisung zur „JobBörse Lindenthal“ zu. „Immer wenn man glaubt, mit der Schule des Lebens fertig zu sein, wird einem irgendein Sonderkurs offeriert“, wusste schon Schauspieler Heinz Rühmann (7. 3. 1902 – 3. 10. 1994). Herr L. will mit Frau
Dorothea K. von der „JobBörse Bickendorf / Ossendorf“ über 11 deren Auskünfte gegenüber Herrn Sch. sprechen und mich in den nächsten Tagen anrufen … Spielen wir also „Stille Post“.

Infamie

Am Montag, den 22. November 2010 (47. Jahrestag der Ermordung John F. Kennedys), ruft mich Herr L. um 17:55 Uhr zuhause an. Er erklärt, er habe mit Frau K. telefoniert und beabsichtige nach diesem Gespräch, gegen mich eine „Sanktionierung“ (es geht um insgesamt 473,10 Euro) zu verhängen. Ich frage Herrn L., was Frau K. ihm gegenüber geäußert habe. Herr L. trägt Frau K.s Einlassungen im einzelnen vor und dazu nehme ich jeweils Stellung. Demnach hat Frau K. behauptet, ich hätte in ihrer Gegenwart die „JobBörse“ mit einem „Konzentrationslager“ verglichen. Dadurch habe sich eine im Raum anwesende „Angehörige einer Opferfamilie des Nationalsozialismus’ sehr verletzt“ gefühlt. Ich erkläre, dies sei der „Gipfel der Infamie“. Als Frau K. den Raum verlassen hatte, um den Leiter der „JobBörse“ zwecks meines Rauswurfs zu holen, sagte ich in Gegenwart anderer Teilnehmer: „Man wird doch noch einmal seine Meinung frei äußern können. Das ist hier kein Konzentrationslager.“ Ich wiederhole meine Erklärung wohlartikuliert zum Mitschreiben. Frau K. will mich laut Herrn L. mehrfach zum
Vieraugengespräch gebeten haben, doch ich hätte das immer wieder abgelehnt und darauf bestanden, dass das Gespräch vor den anderen stattfinde. Dies sei jedoch nicht möglich gewesen, da dadurch „die Gruppen gestört worden wären“. Irgendwann habe sie sich gesagt, dass ich genug Chancen ausgeschlagen hätte, und mich hinaus geworfen. Ich stelle klar: Es gab keine Gruppenarbeit, die durch ein Vieraugengespräch gestört worden wäre. Mir sind „Vieraugengespräche“ unangenehm, daher bat ich Frau K. darum, das Gespräch in Gegenwart der anderen Teilnehmer an meinem Tisch zu führen. Frau K. lehnte dies ab, ich wiederholte meine Bitte, und Frau K. forderte mich auf: „Dann gehen Sie jetzt!“ Da erkannte ich, dass sie einen Vorwand suchte, um mich los zu werden, und erklärte mich zum Vieraugengespräch bereit. Dies lehnte Frau K. jedoch mit der kecken Bemerkung „zu spät“ ab.

Auch meine zweite Bitte um ein 12 Vieraugengespräch wies sie ab, und holte den Leiter der
„JobBörse“. In dessen Gegenwart soll ich weiter gestört haben. Wahr ist, dass ich sogar den Vorschlag machte, „für den Rest des Tages kein Wort mehr [zu] sagen, wenn Frau K. mit Kritik nicht umgehen kann.“ Doch Frau K. bestand darauf, dass ich ging. Darauf fragte ich: „mit welcher Begründung?“ Frau K. antwortete, ich sei ein „Hetzer“ und würde „nur provozieren“,
worauf ich klar stellte, dass ich weder gehetzt noch provoziert, sondern nur gefragt hätte, wie sich die „JobBörse“ finanziere. Dann begann ich den Hintergrund meiner Frage zu erklären, worauf Frau K. zum Leiter der „JobBörse“ sagte: „Sehen Sie, er fängt schon wieder an!“ Darauf verwies mich auch der „JobBörsen“-Leiter des Hauses. Frau K. hat laut Herrn L. behauptet, ich hätte nicht nur gefragt, wie sich die „JobBörse“ finanziere, sondern auch, wie sie selbst (!) sich finanziere. Wahr ist: Das wollte ich ausdrücklich nicht wissen. Mir ging es ausschließlich um die „JobBörse“.

Frau K. wiederholte den Angaben zufolge gegenüber Herrn L. ihre schon gegenüber Herrn Gerd Sch. gemachte Äußerung, wonach ich den Mitarbeitern der „JobBörse“ unterstellt hätte, Zuweisungen nur auszusprechen, um die Teilnehmer zu maßnahmewidrigem Verhalten zu verführen und dann eine „Sanktion“ verhängen zu können. Dazu stelle ich klar, dass ich die Schilderung eines Teilnehmers kommentiert hätte. Der hatte erzählt, dass die Arge Programmierer in einen Computer-Anfängerkurs gesteckt habe; als ihnen dort gezeigt worden sei, wie man ein Druckerkabel anschließe, seien sie aufgestanden und gegangen. Der Teilnehmer fragte dazu: „Was hat das gebracht?“ Darauf antwortete ich: „Das hat schon etwas
gebracht, nämlich eine Sperrfrist für die Teilnehmer und eine Einsparung für die Arge.“ Laut Frau K. habe ich statt von „Zuweisung“ von „Einweisung“ gesprochen. Das trifft zu. Tatsächlich sagte ich, ich sei bei Abgabe meines Antrags auf Arbeitslosengeld II in die „JobBörse“ eingewiesen worden, ohne dass mich mein Fallmanager zu Gesicht bekommen hätte. Frau K. machte mich daraufhin oberlehrerhaft darauf aufmerksam, dass ich nicht 13 „eingewiesen“, sondern „zugewiesen“ worden sei. Darauf erklärte ich, ich sei „Herr meines Wortes“ und gebrauchte wieder den Begriff „einweisen“.

Laut Frau K. habe ich mich „daneben benommen“ und dadurch die Aufnahme ins „JobBörsen-Programm“ sabotiert. Ich erkläre: Frau K. wollte mich wegen meiner kritischen Fragen und Bemerkungen offensichtlich von der Teilnahme ausschließen und versucht nun, mir dafür die Schuld zuzuschanzen. Hier wird mit unwahren oder halbwahren Aussagen massiv versucht, die für mich zuständigen Sachbearbeiter gegen mich aufzubringen und mir finanziellen Schaden zuzufügen. Ich weise darauf hin, dass ich mich bisher stets kooperativ gezeigt habe. Hartz IV sei für mich nicht prickelnd, ich unternähme daher alles, um meine Arbeitslosigkeit zu beenden. Frühere berufliche Tätigkeiten, die nicht meinen fachlichen Qualifikationen entsprachen, sind hierfür ein deutlicher Beleg.

Ich versichere Herrn L., dass meine Angaben der Wahrheit entsprechen, und füge hinzu: „Ich bin jederzeit bereit, meine Aussagen vor jedem Richter mit Eid zu bekräftigen.“ Denn Herr L. hat in dem Gespräch wiederholt erklärt, dass die Aussagen von Frau K. für ihn mehr Gewicht hätten als meine Aussagen, da die „JobBörse“ der Kooperationspartner der Arge sei. Nach meiner Überzeugung erfüllen die Einlassungen von Frau K. jedoch den Straftatbestand der „Üblen Nachrede“ (§ 186 StGB). Man muss es sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen, da verdreht eine „Sozialpädagogin“ der „Caritas“ – wohl gemerkt: nicht in Schriftform gegenüber der Staatsanwaltschaft, sondern in einem Ferngespräch mit der für die Leistungsbewilligung zuständigen Stelle – meine von ihr nicht einmal selbst gehörten Worte, holt dann mit dem Hinweis auf eine Opferfamilie des Nationalsozialismus’ den denkbar dicksten Knüppel, den die politische Debatte in Deutschland zu bieten hat, aus dem Sack und prügelt damit auf einen Hilfsbedürftigen, den sie nicht einmal eine Stunde kennen gelernt hat, ein, um ihm die Verantwortung für ihre Unfähigkeit, angemessen mit Kritik umzugehen, und den daraus resultierenden, hochkantigen 14 Rauswurf eines kritischen „Kunden“ in die Schuhe zu schieben – wohl wissend, dass das voraussichtlich zu einer empfindlichen Kürzung eines ohnehin knappen Einkommens führen wird. Geht es eigentlich noch perfider? Diesem ungeheuerlichen Vorgehen halte ich die Worte des Schriftstellers Martin Walser (geb. 24. 3. 1927) aus dessen Rede in der Frankfurter Paulskirche vom 11. Oktober 1998 entgegen: „Auschwitz eignet sich nicht dafür,
Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule […]“. Walser sprach in diesem Zusammenhang übrigens von der „Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken“. Oder soll ich annehmen, dass man bei der „Caritas“ aus meiner Aussage – ‚Das ist hier kein Konzentrationslager, also wird man doch noch einmal seine Meinung frei äußern können‘ – unwillkürlich, d. h. ohne Beeinflussung durch den freien Willen,
den Umkehrschluss – ‚Man kann hier eben nicht seine Meinung frei äußern, also ist das hier ein Konzentrationslager‘ – gezogen hat und die eigene Interpretation allen Ernstes für meine authentischen Worte hält? Dann könnte ich die Mitarbeiter der „Caritas“ für ihre Firmenphilosophie und ihr Betriebsklima wirklich nur von ganzem Herzen bemitleiden. Herr L., der sich zu meinen Erklärungen Notizen gemacht hat, meint am Ende des Telefonats, er werde sich „das Ganze noch einmal durch den Kopf gehen lassen.“ Nun ist Herr L. ein gewissenhafter und vorsichtiger Sachbearbeiter, der sicher kein Vergnügen darin findet, Arbeitslosen den Brotnapf höher zu hängen. Ginge es nicht um meine nackte Existenz, würde ich ihm vielleicht die Hand auf die Schulter legen und sagen: „Jung, mach’s dir doch nicht so schwer“. Doch muss gerade das nachdenklich stimmen. Denn wenn sich sogar ein gewissensgeplagter Sachbearbeiter zur Existenzbedrohung eines Arbeitslosen auswachsen kann, welches Bedrohungspotenzial besteht dann erst dort, wo ein Mitarbeiter seine Befugnisse ‚beherzt einsetzt‘? „Something is rotten in the state of Denmark – Etwas ist faul im Staate Dänemarks [meistens zitiert: Dänemark]“ (William Shakespeare, Hamlet 1, 4). 15

Vorerst keine Leistungskürzung

Als ich am 1. Dezember 2010 einen Kontoauszug ziehe, stelle ich fest, dass die Arge die mir zustehenden 793,53 Euro überwiesen, also keinen Abzug vorgenommen hat. Sollte Herr L. doch noch eine „Sanktion“ verhängen, wäre dies ein zusätzliches Argument eines Widerspruchs, nach dem Motto: „Sie waren sich ja selber nicht sicher“. Im übrigen würde ich dann auch eine Dienstaufsichtsbeschwerde schreiben. Begründung: Herr L. habe mir gegenüber erklärt, dass er Frau K.s Darstellung schwerer gewichte als meine, da sie zum Kooperationspartner gehöre (s. o.). Damit habe er deutlich zu erkennen gegeben, dass er den
Sachverhalt nicht objektiv zu prüfen gewillt gewesen sei. Das mag hart klingen, aber als Ertrinkender lasse ich mir nicht ohne Gegenwehr den Rettungsring wegnehmen. (Nachtrag: Nach alter Beamtenweisheit sind solche Beschwerden: „formlos, fristlos, fruchtlos“.)

‚Strafanzeige oder nicht Strafanzeige …‘ (frei nach Hamlet 3, 1)

Am 13. Dezember 2010 suche ich die Polizeiwache Köln-Ehrenfeld auf, um dort den Sachverhalt vorzutragen und evtl. Anzeige wegen „Übler Nachrede“ (§ 186 StGB) und anderer
infrage kommender Straftatbestände zu stellen. Die Polizistin macht mir unmissverständlich deutlich, dass sie in dem Verhalten von Frau K. keinen Grund für eine Strafanzeige sehe. Dennoch nimmt sie ein Protokoll auf, das ich nach zahlreichen Korrekturen – die sprachlich unsensible Polizistin hat z. B. aus meiner Formulierung „wich von dem ab, was ich aufgrund der Ankündigung erwartet hatte“ gemacht: „entsprach nicht meinen Erwartungen“, und damit im Grunde den von der Gegenseite erhobenen Vorwurf meiner ablehnenden Haltung bestätigt –
auch unterzeichne. Angesichts der Einstellung, die die Ermittlungsbehörde an den Tag legt, und meiner Erfahrungen mit der Kölner Staatsanwaltschaft (s. dazu mein Büchlein DFDF), entschließe ich mich jedoch, den Strafantrag nicht sofort zu stellen, sondern zu überdenken. In der Innenstadt kaufe ich mir außer einer CD mit der Musik von Udo Zimmer zu „King Arthur“ (UK, USA 2004) eine CD „Der Pate III“ (USA 1990) – mir ist wirklich danach zumute, ‚Familienangelegenheiten‘ ab 16 sofort ohne Hilfe der Polizei zu regeln. Nur nebenbei sei erwähnt, dass ich in jenen Dezembertagen meinen 312 Seiten umfassenden Historischen Roman „Anno Domini IX.“ (s. „Buchempfehlungen“) veröffentliche. Was ich erlebe, ist ein seltsamer Spagat zwischen zwei völlig verschiedenen Welten: hier die Welt der Literatur, da diejenige einer mittelalterlich anmutenden Bevormundung und Drangsalierung.

Entwarnung

Als auch die Überweisungen für Januar und Februar 2011 meinen Erwartungen entsprechen – bisherige Höhe minus Übergangsgeld, das früher ein halbes Jahr gezahlt wurde, die Regelung lief jedoch zum Jahresende 2010 aus –, ist für mich klar, dass sich das Thema soweit erledigt hat. Eine Mitteilung darüber werde ich indessen nie bekommen. Ob Herr L. erkannt hat, dass er mit einem Bescheid zur „Sanktionierung“ bei mir auf Granit beißen würde, und die zusätzliche Arbeit sowie die zu befürchtende Blamage gescheut hat? Aber zappeln lassen hat er mich schon wollen. Gegenüber der Polizei erkläre ich, mir weiterhin einen Strafantrag vorzubehalten. Würde ich auf diesen „verzichten“, würde ich mich damit womöglich selbst einem Verdacht aussetzen, nämlich dem der „Falschen Verdächtigung“ (§ 164 StGB). Doch de facto verzichte ich. Denn einerseits wäre es sehr aufwendig, im einzelnen zu ermitteln, was ich in der „JobBörse“ gesagt, was Frau K. darüber den Herren Sch. und L. mitgeteilt, und was wiederum Herr L. mir darüber berichtet hat. Andererseits ist mir letztlich ja kein Schaden, sondern – ganz im Gegenteil – überaus interessanter Stoff für eine literarische Bearbeitung entstanden … Oder haben Sie sich bei dieser Lektüre gelangweilt? Na also.

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein […]“

Am 1. Advent 2010 besuche ich die traditionelle „Gedenkfeier“ der „Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft“ (CDA) in Köln. Ingrid Fischbach, stellv. Vorsitzende der CDU/CSU- 17 Fraktion im Deutschen Bundestag u. a. für Arbeit und Soziales, und Dr. Ralf Brauksiepe, Landes- u. stellv. Bundesvorsitzender der CDA sowie Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, erklären zur aktuellen Debatte um die Erhöhung der Grundsicherung um – sage und schreibe! – fünf Euro p. M., die „Würde des Menschen“ (Art. 1
GG) gebiete die schnelle Erhöhung. Dazu erkläre ich, dass die Würde der Arbeitslosen „nicht von fünf Euro mehr oder weniger“ abhänge. Vielmehr werde sie durch Einweisungen in sinnlose „Maßnahmen“ mit Füßen getreten. Nun zähle ich die im Kapitel „Endstation ‚Maßnahme‘?“ eingangs (d. i. S. 26 f.) geschilderten Fälle einzeln auf, und schließe: „Arbeitslose
brauchen nicht fünf Euro mehr, sondern Respekt vor ihrer Lebensleistung!“ Dafür erhalte ich den donnernden Applaus der meist älteren Veranstaltungsteilnehmer. Die – relative – „Armut“ der „Hartz-IV“-Bezieher ist ja wohl nicht deren Kernproblem. (Solange ich eine beheizbare Wohnung, ausreichend Nahrung, sauberes Wasser und noch ein Buch oder eine Zeitung zum Lesen habe, empfinde ich mich nicht als „arm“. Tatsächlich sind in Deutschland Arbeitslose auf
sehr hohem Niveau „arm“.) Das Kernproblem der „Hartz-IV“-Bezieher besteht vielmehr in der staatlichen Gängelung mündiger Bürger und der verfehlten Arbeitsmarktpolitik der Bundesregierungen – und zwar ganz gleich, welcher Couleur sie sind.

Zu den Arbeitsmarktdaten, die Dr. Brauksiepe so stolz verkündet, stelle ich fest, dass die Zahlen manipuliert seien. „Die ‚Bundesagentur für Arbeit‘ ist ein riesiger Rangierbahnhof. Auf der einen Seite kommen die Waggons mit den Arbeitslosen herein gerollt, und dann werden sie auf alle erdenklichen Gleise verteilt, bis sie nicht mehr in der Statistik auftauchen …“ Rhetorisch unelegant wechsle ich den Bereich meiner Metaphern, indem ich schließe: „Die sogenannte ‚Agentur‘ ist in Wahrheit ein Kosmetiksalon! [Bundesarbeitsministerin] Frau [Ursula] von der Leyen sieht jedes Mal schöner aus, wenn sie wieder heraus kommt!“ Heiterkeit und Zustimmung bei den Zuhörern. Dr. Brauksiepe antwortet brillant: Die Regierung 18 Schröder (1998 – 2005) habe die Arbeitslosenstatistik mit allen erdenklichen Tricks manipuliert. Wenn die Zahlen heute darunter lägen, müsse (sc.: selbst beim tiefsten Griff in die Trickkiste statistischer Frisierkunst) eine tatsächliche Abnahme stattgefunden haben. Das will ich jetzt einmal so stehen lassen. Um nicht von der Internetplattform „VroniPlag“ bloßgestellt zu werden, belege ich aber noch rasch die Quelle der Zwischenüberschrift: Es ist das Evangelium nach Matthäus 4, 4.

Besinnliche Adventszeit!

Am Nikolaustag 2011 schreibe ich Frau Dorothea K. folgende, liebe Zeilen: „[Betreff] Jahresabschlusswünsche / Sehr geehrte Frau [Name], / erinnern Sie sich an mich? Falls nicht, will ich Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen: Am 20. Oktober vergangenen Jahres warfen Sie mich nach meinen kritischen Fragen und Bemerkungen aus Ihrer ‚JobBörse‘. Gegenüber dem ‚jobcenter KÖLN‘ behaupteten Sie, ich hätte mich ‚daneben benommen‘ und dadurch meine Aufnahme in das ‚JobBörsenprogramm‘ selbst verhindert. Welche Konsequenzen Ihre Einlassungen haben würden, musste Ihnen bewusst gewesen sein. Mir wurde eine ‚Sanktionierung‘ angedroht und ich erhielt einen Anhörungsbogen. / Herr [Name] hakte auf mein Drängen bei Ihnen nach und trug mir am 22. November Ihre Angaben im einzelnen vor. Diese stellten z. T. völlige Verdrehungen meiner Worte dar und waren geeignet, die Mitarbeiter des ‚jobcenters‘ gegen mich in Harnisch zu bringen sowie mir (gemessen an meinem Einkommen) erheblichen, finanziellen Schaden zuzufügen; konkret ging es um 473,10 Euro. / Doch mein ‚Persönlicher Ansprechpartner‘ folgte letztlich meiner Darstellung und ich wurde daher nicht ‚sanktioniert‘. Meiner Familie konnte ich also doch noch Weihnachtsgeschenke kaufen. Stress in der Vorweihnachtszeit war es allemal. / Auf eine Strafanzeige wegen ‚Beleidigung‘, ‚Übler Nachrede‘ etc. pp. (§§ 186 ff. StGB) habe ich aus Gründen der Opportunität verzichtet. Doch sollten Sie sich für Ihr Verhalten schämen. Ich darf Sie daran erinnern, dass Sie Mitarbeiterin einer kirchlichen Einrichtung sind, die sich die Nächstenliebe auf die Fahne geschrieben hat. Sicher muss ich 19 Ihnen nicht erklären, dass ‚caritas‘ lateinisch ist und ‚Liebe‘ bedeutet. Fragen Sie sich einmal, ob Sie Ihre Einrichtung positiv dargestellt haben. / Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen eine besinnliche Adventszeit, einen ‚Guten Rutsch‘ sowie den verdienten Erfolg im Neuen Jahr, und verbleibe / mit dem Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung / Ihr sehr ergebener / [Name]“. Darauf bekomme ich keine Antwort. Das ist aber auch nicht nötig. Denn ich gehe davon aus, dass ‚Madame‘ den Brief erhalten und verstanden hat, und das genügt mir. Die Marke zeigte Papst Benedikt XVI., und ihr Rand z. T. dessen Wahlspruch: „[MITARB]EITER DER WAHR[HEIT]“ (3. Joh. 8).

Exkurs: Kirchliche Einrichtungen

Meine persönlichen Erfahrungen mit der „Caritas“ passen zu dem Bild, das katholische Einrichtungen insgesamt vermitteln. Dort sind über Jahrzehnte (Jahrhunderte, Jahrtausende?) Kinder systematisch misshandelt, missbraucht und vergewaltigt worden. Statt Reue zu zeigen, berufen sich die deutschen Bischöfe – auf einmal! – auf den allgemeinen Wertewandel in unserer Gesellschaft – bekanntlich „regt sich [ja auch] was im Odenwald“ (Joseph Viktor von Scheffel, „Lieder vom Rodenstein“) – und tun alles, um den Skandal unter den Teppich zu kehren. Schlimmer noch, sie schrecken noch nicht einmal davor zurück, ihre Diözesen mit knallharter Pornographie zu finanzieren. Der Augsburger „Weltbild“-Verlag, der zu einhundert Prozent der Katholischen Kirche gehört, verbreitet Bücher mit vielsagenden Titeln wie „Anwaltshure“, „Schlampen Internat“, „Vögelbar“, „Zur Hure erzogen“, „Nimm mich hier und nimm mich jetzt“ oder „Sag Luder zu mir“ und verdient damit Millionen. Besonders verwerflich finde ich, dass die Katholische Kirche vor dem Hintergrund des systematischen, sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen durch Erzieher in ihren Einrichtungen – nach dem Motto „Ihr Kinderlein, kommet!“ –, die Verbreitung eines Buchtitels „Schlampen Internat“ zulässt. Da fehlt doch jedes Taktgefühl. In einem Internetportal, das zu einem Drittel „Weltbild“ gehört, findet der Freund feucht(fröhlich)er Filmwerke Titel wie „Graf Porno“ oder „Porno für Paare“. Einzig der oft gescholtene Kölner Erzbischof Joachim Kardinal 20 Meisner hat sich aus diesem Drecksgeschäft mit der Erniedrigung von Frauen heraus gehalten. Für gläubige Katholiken dürfte übrigens das Angebot an esoterischen – „ketzerischen“! – Buchtiteln nicht minder empörend sein … Keuschheit predigen und mit Pornographie Geld verdienen – selten traf Heinrich Heines Formulierung: „ich weiß, sie tranken heimlich Wein und predigten öffentlich
Wasser“ („Deutschland, ein Wintermärchen“, 1844) besser zu. Es würde mich, nebenbei bemerkt, noch nicht einmal wundern, wenn der oben erwähnte „Erotic Discounter“ nahe der „JobBörse“ ebenfalls eine kirchliche Einrichtung wäre. Gottseidank gehören Zarah Leanders Filme und Weisen zum „Weltbild“-Sortiment. Denn die schwedische Diva mit der prägnanten Altstimme (15. 3. 1907 – 23. 6. 1981) sang (erstmals im Ufa-Spielfilm „Der Blaufuchs“ von 1938) auf unnachahmliche Weise das passende ‚Mottolied‘ (Text: Bruno Balz, Musik: Lothar
Brühne): „Kann denn Liebe Sünde sein?“ Da kirchliche Einrichtungen wie die „Caritas“ trotz ihres ‚[Schein-] Heiligenscheins‘ wie ganz gewöhnliche Unternehmen am Markt operieren, indem sie ihre Dienstleistungen möglichst teuer verkaufen und ihre Mitarbeiter möglichst niedrig entlohnen, sollte man in der Politik zu gegebener Zeit einmal über die Berechtigung ihrer steuerlichen Bevorzugung nachdenken. In der Marktwirtschaft sind alle Unternehmen – Geldscheinheilige. „Sitzen zwei Bischöfe zusammen. Sagt der eine: ‚Du, ich glaube, wir werden das Ende des Zölibats nicht mehr erleben.‘ Sagt der andere: ‚Wir nicht, aber unsere Kinder!‘“ (Kirchenwitz). An dieser Stelle möchte ich aber auch noch eine Lanze für Papst Benedikt XVI. (geb. 16. 4. 1927) brechen. Wenn unsere lärmende und scheppernde Zeit nicht verlernt hätte zuzuhören, hätte sie aus dem fernen Rom ein machtvolles Donnergrollen vernommen. Spätestens als der Papst im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal gesagt hatte, „dass es in der Kirche […] Unkraut gibt“, musste in den Ohren kirchlicher Schweinigel seine Programmatik – nämlich „Arbeiter im Weinberg des Herrn“ zu sein – als kaum verhohlene Drohung nachgeklungen haben. Allerdings kommt Benedikt XVI. nicht mehr dazu, den ‚Augiasstall‘ der Katholischen Kirche auszumisten. Denn die 21 Versetzung des IOR- („Istituto per le Opere di Religione“-, vulgo: „Vatikanbank“-) Präsidenten Ettore Gotti Tedeschi – in der
Kurie findet jemand, der die Geldgeschäfte wieder auf die christliche Moral ausrichten will, weniger Verständnis als ein Kinderschänder, stellt der doch immerhin nicht das System infrage – und „Vatileaks“ (Padre Federico Lombardi) schlagen dem Reformwilligen schwer ins Kontor, und am 28. Februar 2013 streicht „der deutsche Papst“ die Flagge. Als „spiritueller Führer“ der Weltkirche war er mehr spirituell als ein „Führer“ … Ob Papst Franz den Laden auf Vordermann bringen wird? Oder gleichen alle Anstrengungen, die Katholische Kirche zu reformieren, dem „Versuch, Schneebälle zu rösten“ (Franz Josef Strauß 1987 in Moskau über den damaligen „Versuch [des sowjetischen Präsidenten Michail S. Gorbatschow], [unter den Schlagworten ‚Glasnost‘ und ‚Perestroika‘] den Kommunismus zu reformieren“)? Wie der Augsburger „Weltbild“-Verlag am 22. November 2011 mitteilt, haben die Gesellschafter – zwölf Diözesen und die Berliner Soldatenseelsorge – die Geschäftsführer beauftragt, „ohne jeden Verzug entschlossen“ nach Käufern zu suchen. Na bitte, geht doch. Schade nur, dass es dazu großen, öffentlichen Drucks bedurfte, so dass die Entscheidung zum Verlagsverkauf wieder rein ökonomisch (nicht: ökumenisch!) anmutet, getreu der Fragestellung: ‚Welcher wirtschaftliche Schaden ist für uns kleiner: jetzt auf die Einnahmen aus dem Verlagsgeschäft zu verzichten oder einen so großen Imageschaden zu erleiden, dass uns künftig gar keine Geschäfte mehr möglich sind?‘ Das ist zumindest meine vorläufige Einschätzung. Doch da scheine ich die Gerissenheit der Katholischen Kirche unterschätzt zu haben. Denn wie Geschäftsführer Carel Halff am 28. Juni 2012 – mittlerweile hat sich der aufgewirbelte Staub wieder gelegt – bekannt gibt, behält die Katholische Kirche die umstrittene Verlagsgruppe. Deren Gesellschafterversammlung habe entschieden, alle Anteile in eine gemeinnützige Stiftung einzubringen. Bald ist auch davon keine Rede mehr, sondern will der „Weltbild“-Verlag mit einer
Mehrheit am Online-Versandhändler „buecher.de“ mittels Übernahme von Holtzbrinck-Anteilen aus den roten Zahlen kommen, ehe er im Januar 2014 Insolvenz anmeldet. Das ist nicht 22 minder ausgebufft, als zum Zeitpunkt der größten öffentlichen Erregung über kirchliche Missbrauchsfälle ein renommiertes Kriminologisches Institut mit der Aufarbeitung zu beauftragen, es eineinhalb Jahre in der Arbeit zu behindern und ihm dann zu kündigen. Die Verlags-„Erotik“ – in weniger abgestumpften Zeiten nannte man das „Pornographie“ – wird weiter für Wirbel sorgen. Was mich indessen erheitert, ist die Tatsache, dass „Weltbild“ auch das Buch vertreibt, das Sie gerade in Händen halten, und ich frage mich, wie lange es wohl dauern wird, bis man dort dieses ‚U-Boot‘ („E-Book“) entdecken und im tiefsten Atlantik versenken wird … Ich bin wieder einmal abgeschweift, ein altes Laster von mir, doch hatte ich Ihnen ja auch einen „Exkurs“ angekündigt.

In der Kinderoper?

Es muss vielleicht noch einmal in aller Deutlichkeit festgestellt werden: Wenn ich nicht äußerste Entschlossenheit an den Tag gelegt und deutlich gemacht hätte, dass ich ggf. alle Rechtsmittel ausschöpfen würde, wäre ich durch die Bösartigkeit einer einzigen Person in allergrößte Not geraten. Dann hätte gegolten: Erst entlassen, dann eingewiesen, dann sanktioniert mit vermindertem Leistungsanspruch – um ein Haar wäre ich glatt in eine Kinderoper hinein geraten! Im großen ‚Vorbild‘, in Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem
Serail“ (uraufgeführt 1782), malt sich Palastaufseher Osmin die Qualen seiner potenziellen Opfer noch drastischer aus: „erst geköpft, dann gehangen, dann gespießt auf heiße Stangen“. Aber vielleicht erklärt sich das Verhalten der „Caritas“-Mitarbeiter ja auch nur aus mangelhaften
Lateinkenntnissen. Der Titel der ersten Enzyklika von Papst Benedikt XVI. vom 25. Dezember 2005 – „Deus caritas est“ – lautet übersetzt eben nicht: „Die Caritas ist Gott“, sondern „Gott
ist Liebe“. „Fama […] / mobilitate viget viresqve adqvirit evndo – Das Gerücht […]: / in seiner Beweglichkeit ist es stark und seine Kräfte gewinnt es im Gehen“ (Vergil, Aeneis 4, 174 f.). 2

Quelle: Enno E. Dreßler, Die Unfreiheit des Arbeitslosen, Drei Jahre im Kölner Hartzodrom, Norderstedt März 2013, S. 73 ff. (m. fr. Genehmigung) 24

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