„Und sie […] schämten sich nicht“ (1. Mose 2, 25)

Weg mit Hartz IV. - Bild: Bronisz

Nach einer angemessenen Schamfrist tritt wieder das „Jobcenter“ an mich heran. Am Dienstag, den 11. Februar 2014, erreicht mich  die „Einladung“ eines mir bisher nicht bekannten Herrn E. vom 5. d. M. (Poststempel: 7. d. M.) für Donnerstag, den 20. d. M., 11:15 Uhr: „Sehr geehrter Herr Dreßler, / bitte kommen Sie zum unten angegebenen Termin in das / Jobcenter Köln, [Anschrift] / Ihre Termindaten: / […] / ich möchte mit Ihnen über ein besonderes Beratungs- und Unterstützungsangebot für Sie, das beschäftigungsorientierte Fallmanagement, sprechen und Ihnen dieses näher vorstellen und erläutern. / […]“

Weg mit Hartz IV. Eine Forderung so alt wie Hartz IV. – Bild: © 2015 Bronisz

Das klingt doch recht freundlich, auch wenn es um eine Sonderbehandlung mit dem Zweck, mich rasch zu entsorgen, gehen sollte; der Termin ist diesmal nicht kurzfristig angesetzt, und der Straßenkarneval beginnt mit „Wieverfastelōōvend“ auch erst eine Woche später. Am Donnerstag, den 13. Februar 2014, maile ich daher eine „Terminbestätigung“ an die im Briefkopf genannte und aus nicht weniger als 48 Zeichen bestehende E-Mailadresse: „Sehr geehrter Herr [Name], / vielen Dank für Ihre Einladung (20.02.14, 11:15, Zi. [Nr.], JC), der ich gerne folgen werde. Gerne lasse ich mir Ihr Konzept, das den klingenden Namen ‚beschäftigungsorientiertes Fallmanagement‘ hat, erläutern; eigentlich brauche ich aber nur eine ‚Stellenvermittlung‘. / Leider bleibt völlig unerfindlich, inwieweit ich durch sog. ‚Maßnahmen‘, denen ich bisher zugewiesen wurde, in meiner Arbeitssuche ‚gefördert‘ wurde. Aber man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben. / Mit freundlichen Grüßen, / [Name] / Kunsthistoriker + Buchautor“.

Damit habe ich Rollenverständnisse ausgedrückt, mich als höflichen und kritischen, aber auch kooperativen „Kunden“ ausgewiesen sowie mein berufliches Selbstbild dokumentiert. Um die Glocken endgültig zurecht zu rücken und „ein erfolgreiches Fallmanagement zu ermöglichen“, maile ich meinem mutmaßlichen „Manager“ am Montag meine aktuellen Arbeitsproben sowie meinen Lebenslauf und meine Hochschulzeugnisse. Mit der Durchsicht dürfte er im übrigen sinnvoll „beschäftigt“ sein. Falls er sich überhaupt für meine Situation interessiert …

Quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentes – Was es auch ist, ich fürchte die Danaer [Griechen], auch wenn sie Geschenke bringen“ (Apollo- und Poseidonpriester Laokoon beim Anblick des von den Griechen vor deren vorgetäuschtem Abzug von Troja am Strand aufgestellten „Trojanischen Pferdes“; in: Vergil, Aeneis 2, 49).

„Einer flog über das Kuckucksnest“(USA 1975), reloaded?

Mit dem voreingestellten Suchbegriff „beschäftigungsorientiertes Fallmanagement“ finde ich im weltweiten Netz Erläuterungen, und falle beim Lesen aus allen Wolken. Es handelt sich um eine „Beratung von Menschen a) mit multiplen Vermittlungshemmnissen und b) einer Prognose der Vermittelbarkeit“ (Jobcenter Köln, Fallmanagement im JC Köln, April 2013), die„angezeigt [ist], wenn […] ein erwerbsfähiger Hilfsbedürftiger drei abgrenzbare schwerwiegende Vermittlungshemmnisse aufweist, die in der eigenen Person […] begründet sind, und eine Beschäftigungsintegration ohne Prozessunterstützung […] nicht erreicht oder erheblich verzögert würde“ (Good Practice Center – Förderung von Benachteiligten in der Berufsbildung, Beschäftigungsorientiertes Fallmanagement, 30.06.2005). Zur Zielgruppe zählen Drogenabhängige, Alkoholiker und Dissoziale. Will mich das „JC“, nachdem es mich mit „Maßnahmen“ nicht losgeworden ist, den schwer vermittelbaren Arbeitslosen zuschlagen? Ich bin sehr beunruhigt. Eine Jobcenterjuristin, mit der ich zufällig sprechen kann, rät mir, zum Termin zu gehen, mir die Gründe, weshalb ich aus der normalen Vermittlung heraus genommen werden soll, nennen zu lassen und mich dagegen zu wehren. Mein Instinkt hat mich also völlig zu recht gewarnt …

Wieder nur eine wohlklingende Worthülse?

Mit dem „beschäftigungsorientierten Fallmanagement“ soll keine Worthülse in meinen Ohren klingeln, keine Nebelkerze meinen Blick trüben und kein Falschbegriff meinen Verstand verwirren, sondern ein Trojanisches Pferd in meine Mauern gezogen werden, und im Bauch befinden sich lauter Sozialpädagogen, Psychologen, Therapeuten, Schulden-, Partner- und Suchtberater!

Empfindet man keine Scham, einen Kunsthistoriker und Autor, Mitglied mehrerer altertumswissenschaftlicher Vereine, im Familien- und Freundeskreis integriert, weder alkohol- noch nikotin- oder drogenabhängig, der alle Vereinbarungen eingehalten bzw. alle Auflagen erfüllt hat, mit einem Fürsorgeprojekt dieser Art zu konfrontieren? Geht es gar nicht mehr darum, mir eine Stelle zu vermitteln, sondern nur noch darum, die Arbeitsplätze von Kümmerern aller Art zu sichern? Nimmt man dafür billigend in Kauf, mich überhaupt erst zu einem Sozialfall zu machen?

Man stelle sich mich mit meinem Widerspruchsgeist in einer Art Durchlauferhitzer für die Klapsmühle vor! Das käme einer Neuverfilmung von Ken Keseys Roman „One Flew Over the Cuckoo’s Nest“ (New York 1962) gleich, mit einer Betreuerin in der Rolle von Oberschwester Mildred Ratched und mir als Randall Patrick McMurphy! Übrigens unterscheiden sich Roman und Film in der Wahl der Hauptperson, aber eines ist ihnen gemeinsam: McMurphy überlebt die Bevormundungshölle nicht.

Am Vortag des Termins schreibe ich eine ausführliche, mit meinen Protokollen aller „Maßnahmen“ als Dateianhängen   versehene E-Mail für das „Beschwerdemanagement“, speichere sie als Entwurf ab und optimiere sie. Außerdem lege ich mir eine Gesprächsstrategie zurecht. „Qui desiderat pacem, praeparet bellum – Wer den Frieden wünscht, bereite den Krieg vor!“ (Flavius Vegetius Renatus, um 400 n. Chr, De re militari 3, Einleitung).

Beim beschäftigungsorientierten Fallmanager‘!

Am 20. Februar 2014 ziehe ich meine beste Kleidung an und stehe um 11:15 Uhr bei Herrn E. auf der Matte. Es handelt sich um einen sehr freundlichen, jungen Mann, dessen Schreibtisch eine Stoffpuppe („Schlag mich“) schmückt und der sich eineinviertel Stunden Zeit nimmt, um sich mit mir in angenehmer und letztlich konstruktiver Weise zu unterhalten. Doch zunächst bittet er mich um den Personalausweis. „Ich kenne Sie ja noch nicht!“ „Genau, am Ende schläft der Eingeladene zuhause seinen Rausch aus und schickt einen gut gekleideten Bekannten!“

Dann beginnt Herr E. seine Aufgaben zu umreißen. Nachdem ich ihm eine Weile zugehört habe, möchte ich, dass er auf den Punkt kommt. „Bitte sagen Sie mir, warum Sie mich aus der normalen Arbeitsvermittlung bzw. dem, was Sie in diesem Hause darunter verstehen, herausnehmen und dem sogenannten ‚Beschäftigungsorientierten Fallmanagement‘ zuschlagen wollen!“ „Dazu wollte ich gerade kommen“, so E. Er wolle sich mit mir eingehender, als es sonst möglich sei, befassen, mir neue Perspektiven eröffnen und mich individuell fördern. Ich aber will ihn festnageln. „Bitte nennen Sie mir ‚drei schwerwiegende Vermittlungshemmnisse‘, die in meiner Person begründet sind!“

Herr E. fragt mich, ob ich mir Gründe vorstellen könne, weswegen ich eingeladen worden sei. Darauf erkläre ich, dass es nicht meine Aufgabe sei, über seine Motive, mich einzuladen, zu spekulieren. E. kann keine Gründe nennen, und ich lese eine Passage aus meinen Unterlagen vor. „An dieser Stelle möchte ich mich Ihnen gerne vorstellen …“ Ich zähle meine fachlichen und sozialen Kompetenzen auf, erkläre, dass ich nicht zur Zielgruppe des „Beschäftigungsorientierten Fallmanagements“ („bFM“) gehörte, und dieses daher auch nicht in Anspruch nehmen, sondern in der „normalen Arbeitsvermittlung“ bleiben wolle. Einer Zuweisung würde ich zwar Folge leisten, aber ich würde mich auch „mit allen gebotenen und erlaubten Mitteln zur Wehr setzen“.

Herr E. stimmt mir zu, dass ich „nicht zur klassischen Zielgruppe“ gehörte, er wolle aber auch für andere Arbeitslose, die bisher nicht untergekommen seien, offen sein. (Vielleicht will er auch seine Kompetenzen erweitern oder einfach einmal nicht von seiner sog. „Kundschaft“ geschlagen werden.) Ich wiederhole meinen Standpunkt und ergänze, dass ich nicht durch Nutzung dieses Angebotes stigmatisiert werden wolle. Herr E. erklärt, dass Außenstehende davon nicht erfahren würden. Er fragt, ob ich gesundheitliche Probleme hätte, was ich verneine, und meint, „dann sollten wir auch keine konstruieren“. Dafür bin ich ihm auch sehr dankbar. Man stelle sich nur einmal vor, mir würde etwa ein Drogenproblem angedichtet, um mich in den Genuss des „bFM“ zu bringen – dann stünde das in den Akten einer Behörde und würde mir für den Rest meines Lebens wie die Krätze anhängen.

Causa finita, wir sprechen über das Auswahlverfahren des Stadtarchivs und meine Buchprojekte, und ich unterschreibe eine herkömmliche Eingliederungsvereinbarung. Zuletzt meint E. etwas resigniert, sein Kollege P. (mein PAP) habe ihn gewarnt: ich würde mich bestimmt vor dem Termin gut informieren …

Ronald Reagan lud Michail S. Gorbatschow in die USA ein, und als sein Stab den Besuch fachlich vorbereitete, malte sich Ex-Hollywood-Schauspieler Reagan aus, wie er mit Gorbatschow über Beverly Hills hinweg fliegen und sagen wollte: „Sehen Sie, Mr. Gorbatschow, so wohnt die amerikanische Arbeiterklasse!“ Ein Berater gab zu bedenken, der sowjetische Präsident könne gut genug informiert sein, um zu wissen, dass in Beverly Hills nicht die amerikanische Arbeiterklasse lebe. Reagan hörte auf ihn und verzichtete auf eine groß angelegte Märchenstunde …

Das hätte Herr E. auch tun können.

Quelle:

Enno E. Dreßler, Die Unfreiheit des Arbeitslosen, Vier Jahre im Kölner Hartzodrom, Norderstedt 2014, S. 276 ff.

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