Unfassbar! – Erwerbslose feiern spätrömisch-dekadente Orgie.

„Wir sind in dieser Formation erst vierzehn Tage zusammen“, begründete der saxofonista (Saxofonist) des Trios, warum der Musikwunsch „Chiquitita“ von ABBA (hebräisch für HERR) noch nicht zum Repertoire gehöre. Doch ansonsten unterhielt die Gruppe „Josephus cornix“ (vulgo: Joseph the Crow) unter der musikalischen Leitung von Hermann-Josef aufs Trefflichste die zahlreich erschienenen Gäste des L.E.O.-Sommerfestes, das als drittes seiner Art am 15. August d. J. um 16:00 Uhr im Naturfreundehaus Köln-Mitte (Franz-Hirtze-Straße 2) begann …

Helfende Hände hatten seit den frühen Morgenstunden eine cena (Hauptmahlzeit) zubereitet, die würdig gewesen wäre, vom römischen Satiriker Petronius im „Gastmahl des Trimalchio“ beschrieben zu werden: Gegrillte lucanicae (Würstchen) und carnes cassales assae (Steaks) aus Germanien, außerdem eine Spezialität aus der römischen Donauprovinz Dacia, sog. cevapcici (Hackfleischröllchen), und dazu lactutae (Salate) aus allen Teilen des imperium Romanum erfreuten die verwöhnten Gaumen der Gäste ebenso wie cerevisia (Bier) aus der Provinz Raetia (Süddeutschland) und vinum rubrum (Rotwein) von der Mosella (Mosel) … Da wäre einem Guido Westerwelle oder Thilo Sarrazin vor Empörung glatt der Lorbeerkranz weggeflogen! (Bei Letzterem der Dichterlorbeer.)

Spielleiter Manfred Müller eröffnete im goldgesäumten Purpurgewand die spätrömisch-dekadente Orgie in der elften Stunde (exakt: um 16:40 Uhr). Für alle Neulinge erläuterte er Ziele und Aktivitäten der „Linken Erwerbslosen Organisation“ (L.E.O.) und lud bei der Gelegenheit gleich zum wöchentlichen prandium (Mittagstisch) ins Naturfreundehaus Köln-Mitte (immer donnerstags, 11:00 – 14:00 Uhr).

Die Gäste fanden auf bereitgestellten Klinen (Liegen) Platz, ließen sich die Füße mit Rosenöl waschen, Speisen und Getränke reichen, und vertieften sich in symposia (Gespräche). Zwischendurch las ein philosophisch gebildeter Sklave namens Enno aus seinem volumen (Buchrolle) De servitute hominis, qui sine labore est (lat., „Die Unfreiheit des Arbeitslosen“) eine Satire im Geiste des Petronius vor. Zuvor hatten schon im säulenumstandenen hortus (Garten) fröhliche Orgiengäste spontan große Dichter rezitiert, ehe sie begannen, die in Bassins träge herumschwimmenden Barben und Karpfen mit allerlei Leckereien zu füttern. Einige junge Frauen hängten gar ihre Füße in die Bassins und ließen sich von kleinen Fischen die Hornhaut abknabbern, um geschmeidige Füße für das Tragen von Römersandalen zu bekommen, während in einer Gartenecke ein alter, dickbäuchiger und kahlköpfiger Gast mit einem Gänsefederkiel seinen Gaumen reizte, das soeben Gegessene erbrach und sich dann bei einer der überaus hübschen, jungen Dienerinnen eine Portion gegrillter Flamingozungen bestellte. In einer weiteren Symposiumspause tanzten zu den Klängen von „Josephus cornix“ zwanzig blumenbekränzte Nubierinnen. (Es handelte sich im strengen Sinn nicht um Nackttänzerinnen, denn sie trugen ja Blumenkränze um die Häupter 😉

Da viele Gäste ihren Sklaven für den Tag frei gegeben hatten und auf die munera publica autocinetorum C.C.A.A. (vulgo: Kölner Verkehrs-Betriebe AG) angewiesen waren, endete die opulente Orgie bereits in den frühen Morgenstunden des folgenden Tages. So musste Spielleiter Manfred die in ihren Käfigen bereits unruhig auf und ab laufenden Löwen (daher auch der lateinische Name „L.E.O.“) doch nicht loslassen. Die Löwen begnügten sich später notgedrungen mit den von den Gästen übrig gelassenen Fleischrationen, schlugen sich damit die Bäuche aber dermaßen voll, dass sie für drei Tage jede Nahrungsaufnahme verweigerten. (Nicht einmal ein ihnen vorgeworfener fetter Sklavenhändler vermochte ihren Appetit zu wecken).

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