Unglaublich! Enno (L.E.O.) schreibt für das Jobcenter einen Aufsatz.

Zu Beginn der zweiten Herbstferienwoche 2014 in NRW – manche machen Urlaub! – flattert mir ein Brief des „Jobcenters“ ins Haus. Mir schießt ein Gedanke durch den Kopf: Es kann nur eine „Einladung“ mit Sanktionsandrohung sein, die übliche Anwesenheitskontrolle! Doch da unterschätze ich das kreative Potenzial des „Teams 724i“ (das „i“ steht für „Integration“, früher stand da ein „f“ für „Fordern“, gemeint ist aber dasselbe: das Verdrängen des Leistungsberechtigten aus dem Alg-II-Bezug)!

Die Betreffzeile des Anschreibens lautet: „Gutscheine: Eine unvollständige Übersicht der aktuellen Angebote des Jobcenters“, umseitig findet sich ein „Antwortbogen (Rücksendung bis 20.10.2014 [innerhalb von sieben Tagen])“, anbei der angekündigte „Überblick über die [einundsechzig] Angebote des Jobcenters Köln, die als so genannter AVGS (Aktivierungs- u. Vermittlungsgutschein) an Kunden zur Förderung ausgegeben werden können“. Die „Angebote“ reichen von „Bewerbungs- und Persönlichkeitsunterstützung“ (z. B. „Be-Werbung [sic] in eigener Sache“) über „Berufsfachliche Qualifizierungslehrgänge“ (z. B. „Fit im Lager“, und das meint das Jobcenter nicht doppeldeutig!) bis „Gesundheitliche Unterstützung“ (z. B. „Modulares Individuelles Coachingsystem (MICS) Gesundheitsprophylaxe, Resilenztrainig“).

Das Anschreiben beginnt so: „[D]as Jahr 2014 neigt sich dem Ende entgegen und das Jobcenter Köln prüft welche Fortschritte Ihnen gelungen sind, um Ihren Leistungsbezug zu beenden, zumindest aber zu mindern. Bitte beantworten Sie dazu die Fragen auf dem beiliegenden [umseitigen] Antwortbogen.“

Da ich alle zwei Monate meine Bewerbungsnachweise vorlege und Änderungen unverzüglich mitteile, ist ein Fragebogen eigentlich überflüssig – also verfolgt mein „PAP“ (Persönlicher Ansprechpartner), der neuerdings als „IFK“ (Integrationsfachkraft) firmiert, mit ihm einen anderen Zweck, und der besteht offenkundig darin, mir ein schlechtes Gewissen zu machen, frei nach dem Motto: ‚Ihnen ist nichts gelungen, Sie Versager‘!

Damit kommen wir zum zweiten Absatz des Anschreibens: „Gern möchten wir Ihnen beim (Wieder-)Einstieg in den Arbeitsmarkt oder bei der Verbesserung Ihrer Einkommenssituation helfen. Dazu hat das Jobcenter vielfältige Angebote.“ Jetzt ist die Katze aus dem Sack! „Bitte senden Sie den beiliegenden [umseitigen] Antwortbogen bis / 20. Oktober 2014 / an das Jobcenter zurück oder geben Sie ihn in der Eingangszone des Jobcenters Köln-Süd persönlich ab.“ Auffällig ist, dass die ultimative Aufforderung diesmal nicht mit Sanktionsandrohung daherkommt. Ob das bedeutet, dass ich sie ignorieren darf? Aber wozu denn das?! „Team 724i“ hat den Aufschlag gemacht und soll meine Rückhand kennenlernen! Also mache ich zunächst mal ein paar notwendige Einträge im „Antwortbogen“, den ich „u. V. [unter Vorbehalt]“ unterschreiben werde.

Zum Punkt „Ich habe mich beworben: ___ mal / Monat und lege Nachweise dafür bei“ stelle ich trocken fest: „Nachweise liegen vor“. Die Sanktionsfalle „Ich habe mich nicht (mehr) beworben, weil: ___“ streiche ich. Unter dem Punkt „Die Angebote (Liste) interessieren mich nicht. Ich interessiere mich für: ___“ streiche ich ebenfalls tunlichst den ersten Satz, denn der könnte eine ablehnende („unkooperative“) Haltung dokumentieren und sich mit anderen Fehlleistungen zu einer „Sanktion“ auswachsen, und ergänze ich meinen Dauerbrenner: „Photoshop“. Ansonsten trage ich jedes Mal „s. Beiblatt“ ein, und da bekommt meine „IFK“ nun wirklich was zu lesen! Denn ich fabuliere einen „Aufsatz zum Thema: Ich habe in diesem Jahr folgende Schritte unternommen, um eine Senkung meines Leistungsbedarfs / Verbesserung meiner Einkommenssituation zu erreichen“, in dem ich fast jeden Satz mit „ich“ beginne und mich über den grünen Klee lobe (man wollte es ja so haben; der geneigte Leser mag sich auf die Lektüre der Schlusssätze beschränken): „Ich habe auf eigene Kosten zu zwei Buchtiteln Neuauflagen publiziert und an einer Neuauflage meines Historischen Romans gearbeitet, um in Bewerbungen mit aktuellen Arbeitsproben aufwarten zu können. […] Ich habe mich in zwei archäologischen Vereinigungen als Mitglied eingebracht und dadurch Kontakte zu Menschen gepflegt, die in Bereichen arbeiten, für die ich ebenfalls qualifiziert bin. Ich habe vier Tage als ehrenamtlicher Grabungshelfer des LWL gearbeitet und dadurch nicht nur für mich geworben, sondern auch eine Zusatzqualifikation erworben. […] Ich habe Ausstellungen besucht, Fachliteratur gelesen und politische Entwicklungen beobachtet, um mich für Vorstellungsgespräche auf dem Laufenden zu halten. Ich habe mich über Weiterbildungsmöglichkeiten informiert und beim Team Integration die Förderung eines im Hinblick auf meine berufliche Wiedereingliederung sinnvollen Kursangebotes beantragt. Ich habe mich bereitwillig auf eine vom Jobcenter geförderte Stelle ‚Quereinsteiger Fahrdienstleiter (w/m)‘ der DB beworben, die mir mein PAP [jetzt: meine IFK] in seinem Ablehnungssschreiben vorgeschlagen hatte. Ich habe mich bei einem Stellenportal registrieren lassen und mehrmals wöchentlich in verschiedenen Stellenportalen über ausgeschriebene Stellen informiert. […] Da im Internetcenter des BIZ [Berufsinformationszentrums] keine USB-Anschlüsse vorhanden sind, habe ich in einem Internetcafé auf eigene Kosten Dateianhänge für Online-Bewerbungen hochgeladen. Ich habe alle mir auferlegten Pflichten eines Arbeitslosen trotz nicht unerheblichen Zeitaufwandes treu erfüllt – sie dienen ja bekanntlich der beruflichen Wiedereingliederung! – und insbesondere alle Termine im Jobcenter, bei denen mein PAP [Anm.: s. o.] auch in meinem Namen zielführende Eingliederungsvereinbarungen [Szenejargon: EGV] formulierte, wahrgenommen, bin bis auf wenige, von mir gemeldete Tage für das Team Integration telefonisch erreichbar gewesen und habe regelmäßig meinen Briefkasten in der Hoffnung geleert, eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch oder einen Vermittlungsvorschlag von den Integrationsspezialisten des Jobcenters zu finden. Doch diesbezüglich stelle ich fest: ‚Oleum et operam perdidi [Öl und Mühe habe ich vergeudet]‘ (Plautus, Poenulus 333). / Gerne lasse ich mir von Ihnen zu Angeboten Ihrer Liste (z. B. 45 [Das Internet – Sicherheitsüberlegungen, elektronische Kommunikation] u. 46 [Modulares System zur Qualifizierung in den Bereichen CAD mit Visualisierung, Webseitenerstellung]) weitere Informationen geben; dies ist vor einer Festlegung unbedingt erforderlich, da den wohlklingenden Ankündigungen und Versprechungen der Hartz-IV-Industrie nach meiner Erfahrung leider nicht zu trauen ist (dröhnende Worthülsen für Klippschulangebote). M. E. bietet die Volkshochschule mehr Niveau zum günstigeren Preis. / Köln am 15. Oktober 2014 / Enno E. Dreßler, M. A. / Kunsthistoriker & Buchautor“. Das Schreiben endet mit einer „Buchempfehlung“ in eigener Sache. Ob man Im Jobcenter jetzt denkt, mir fehle „der sittliche Ernst“, ich sei ein „unverschämter Lümmel“ („Die Feuerzangenbowle“, D 1944)? Na gut, es handelt sich um eine ernste Angelegenheit, und da verbieten sich Ausflüge in die Gefilde des Humors, doch „difficile est saturam non scribere – es ist schwer, [darüber] keine Satire zu schreiben“ (Juvenal, Satiren 1, 30).

Buchempfehlung: Enno E. Dreßler, Die Unfreiheit des Arbeitslosen, Vier Jahre im Kölner Hartzodrom, Norderstedt 2015

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